Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/339/
325 
damit doch noch nicht gesagt, dass sie alle für seine Anschauung 
dieselbe Bedeutung hätten. Es wäre ja auch denkbar, dass er 
eine oder die andere von ihnen besonders häufig und mit be¬ 
sonders lebhaften Gefühlen ansähe; dann müsste man doch an¬ 
nehmen, dass sie auch auf die Bildung seiner Gewohnheitsform in 
höherem Masse einwirkte als alle anderen. Und wer will das im 
einzelnen Falle bestimmen? 
Aber gesetzt selbst, man könnte diese Schwierigkeit über¬ 
winden, was wäre damit gewonnen? Würde daraus etwa hervor¬ 
gehen, dass gerade diese Form von der Person besonders gern 
gesehen würde ? Das könnte man doch höchstens dann annehmen, 
wenn das Gewohnte, das man immer sieht, auch immer am liebsten 
gesehen würde. Aber davon kann nicht die Rede sein. Wie häufig 
gefällt dem Menschen gerade das, was von seiner gewohnten An¬ 
schauung nach der einen oder anderen Richtung hin abweicht. 
Der Durchschnitt aus den immer von ihm gesehenen Formen 
stellt also thatsächlich nur eine Gewohnheitsform, wenn man so 
sagen darf eine Bequemlichkeitsform dar, die er vielleicht bei der 
Herstellung vermöge des Gesetzes der Trägheit häufig wählen wird, 
die aber darum noch keinen höheren ästhetischen Wert für ihn 
zu haben braucht. Ich habe schon früher einmal darauf hin¬ 
gewiesen (S. 275), dass das am leichtesten zu Apperzipierende durch¬ 
aus nicht notwendig auch das ästhetisch Schönste zu sein braucht. 
Der Nachweis, dass der geometrische Mittelwert die höchste Schön¬ 
heit repräsentiere, ist also als misslungen anzusehen. 
Das gilt zunächst für die mathematischen Verhältnisse in ab¬ 
stracto. Wenn man sich nun gar einen konkreten Fall denkt, d. h. 
einen solchen, wo man mit der Anschauung einer Form eine be¬ 
stimmte Vorstellung verbindet oder gar als Künstler mit einer 
Form etwas Bestimmtes sagen will, dann versagt die Mittelwert¬ 
theorie vollends. Denn dann wird eben immer dasjenige Verhältnis 
das schönste sein, mit dem das, was man sagen will, am besten 
gesagt werden kann. Es ist wohl möglich, dass dies einmal irgend 
einem Mittelwert entspricht. Ebensogut kann es aber auch davon 
abweichen. 
Wo es sich nun gar um die Festsetzung allgemeingültiger 
Normen handelt, ist mit dem Mittelwert vollends nichts anzufangen. 
Denn vorausgesetzt auch, für den einzelnen Menschen stellte der 
Mittelwert die höchste Schönheit dar, so würde eben doch jeder 
Mensch, insofern er ein verschiedenes Anschauungsmaterial hat,
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.