Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/338/
von der sogenannten individuellen Schönheitskurve ausgegangen. 
Dies ist die Kurve, die aus den Urteilen einer einzelnen Person über 
die Schönheit verschiedener Verhältnisse konstruiert wird. Sie stellt 
z. B. bei Rechtecksversuchen eine Linie dar, die an dem Punkte, 
der dem Quadrat entspricht, ziemlich hoch ansetzt, dann bei den 
Punkten, die den dem Quadrat zunächststehenden Rechtecken ent¬ 
sprechen, stark sinkt, um gegen das Verhältnis des goldenen Schnitts 
zu wieder anzusteigen und endlich bei den ganz langgestreckten 
Rechtecken noch einmal zu sinken. Man hat nun, um zu beweisen, 
dass die höchste Schönheit ein geometrischer Mittelwert sei, die 
Schönheitskurven verschiedener Personen hergenommen und an 
ihnen gezeigt, dass das schönste Rechteck, d. h. dasjenige, welches 
dem höchsten Punkt der Kurve entspricht, gleich dem geometrischen 
Mittelwert zwischen zwei anderen Rechtecken ist, deren ästhetischer 
Wert für das betreffende Individuum durch zwei gleichweit vom 
Scheitel entfernte Punkte der Kurve repräsentiert wird. 
Aber das ist ja für die hier in Betracht kommende Frage 
ganz gleichgültig. Denn hier handelt es sich gar nicht darum, 
den Durchschnitt einer Anzahl gerade vorliegender Rechtecke zu 
bestimmen, von denen das eine am schönsten gefunden wird, zwei 
andere in der Schätzung gleichweit nach beiden Seiten abstehen, 
d. h. gleich hässlich sind, sondern es handelt sich vielmehr darum, 
nachzuweisen, dass das Vorzugsverhältnis, das sich bei der ästhe¬ 
tischen Vergleichung ergiebt, mit dem geometrischen Mittelwert aller 
der Rechtecke übereinstimmt, die der betreffende Mensch 
im gewöhnlichen Leben zu sehen pflegt oder ge¬ 
sehen hat. Zu diesem Nachweis ist aber bei dieser Berechnung 
auch nicht einmal ein Versuch gemacht worden. Was dabei heraus¬ 
kommt, ist denn auch gar keine experimentell erwiesene psycho¬ 
logische Wahrheit, sondern eine mathematische Formulierung einer 
an sich nicht uninteressanten aber in diesem Falle ganz gleich¬ 
gültigen Thatsache. 
Ich will übrigens nicht verhehlen, dass nach meiner Über¬ 
zeugung auch der richtige Beweis, dessen Gang ich oben theoretisch 
skizziert habe, praktisch nicht geführt werden kann. Und zwar 
einfach deshalb nicht, weil es unmöglich ist, die Anschauungs¬ 
formen eines Menschen auch nur einigermassen sicher zu ermitteln. 
Gesetzt den Fall man hätte alle Formen, um die es sich dabei 
handelt, z. B. alle rechteckigen Gegenstände seiner Umgebung genau 
zusammengestellt, was an sich schon gar nicht angeht, so wäre
        

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