Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/331/
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schwächer werdend, schliesslich in den Durchbrechungen und freien 
Endigungen der oberen Teile ausklingt. 
Es würde hier zu weit führen, wenn ich dieses übrigens 
längst bekannte Bildungsprinzip in allen dekorativen Künsten ver¬ 
folgen wollte. Die erwähnten Beispiele genügen wohl, um das 
Gesetz als solches über jeden Zweifel zu erheben. Eine genaue 
Nachprüfung zahlreicher dekorativer Kunstwerke würde wahr¬ 
scheinlich zeigen, dass es manche Ausnahmen davon giebt. Aber 
ich vermute, dass sich diese aus bestimmten ganz genau nach¬ 
weisbaren Störungen des Gesetzes erklären lassen. Jedenfalls 
ist soviel klar, dass auch aus diesem Gesetz keine allgemein¬ 
gültige zahlenmässig zu fixierende Proportionsnorm entnommen 
werden kann. : 
Aus dem Gesetz der organischen Verzweigung ergiebt sich 
dann unmittelbar ein zweites, nämlich das der Wiederholung des 
Grösseren im Kleineren. So wie der Unterarm dem Oberarm, 
der Finger dem Unterarm wenigstens seiner allgemeinen Form 
nach ähnlich ist, so wie die Form des Baumstamms im Aste, die 
des Astes im Zweige u. s. w. wiederkehrt, so giebt es auch in der 
Architektur eine Menge Fälle, wo sich grössere Formen im Kleinen 
wiederholen. Beispielsweise findet sich in der antiken Baukunst der 
Hauptgiebel in den dekorativen Giebeln über Fenstern und Thüren, 
in der gotischen Baukunst der Turm in der Fiale, der Pfeiler im 
Dienst, die Wölbung im Fensterbogen u. s. w. wieder. Aber man 
sieht sofort, dass auch dieses Gesetz keine Fixierung bestimmter 
Proportionen in sich schliesst, da ebenso wie in der Natur die 
kleinere Form mit der grösseren durchaus nicht in allen Einzel¬ 
heiten übereinzustimmen und auch durchaus nicht dasselbe Ver¬ 
hältnis zu haben braucht. Das ist wohl der richtige Kern der 
oben S. 312 widerlegten Theorie von der Analogie oder Kon¬ 
formität der geometrischen Teilungen. 
Die Unsicherheit in der Bestimmung der Teilungspunkte und 
die Verschiedenheit der ästhetischen Wirkung je nach dem Volumen 
und der künstlerischen Verzierung der gemessenen Teile macht, 
wie wir gesehen haben, Proportionsmessungen am menschlichen 
Körper und an Gebäuden ausserordentlich schwierig, ja geradezu 
illusorisch. Die Schwierigkeit wächst noch dadurch, dass es sich 
bei allen diesen komplizierteren Gebilden immer um eine ganze 
Menge von Verhältnissen handelt, die natürlich auf einander
        

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