Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/321/
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Zwecks nur innerhalb gewisser Grenzen variieren. Ein steinerner 
Pfeiler muss dicker sein als ein hölzerner Pfosten, der dieselbe 
Last trägt, ein hölzerner Pfosten dicker als ein eiserner Stab. Eine 
steinerne Vase wird ganz andere Verhältnisse haben als eine aus 
Bronze gegossene, eine solche wieder andere als eine aus Glas. 
Das Material wird eben in ganz verschiedener Weise gewonnen 
und bearbeitet und bietet dadurch auch ganz verschiedene Be¬ 
dingungen für die Grössenverhältnisse. Man kann also wohl sagen, 
dass der Künstler innerhalb der durch die praktische Benutzung 
und die Natur des Materials und der Technik gegebenen Grenzen 
die freie Wahl der Verhältnisse hat, nicht aber dass diese Wahl 
überhaupt frei ist, rein nach ästhetischen Gesichtspunkten erfolgt. 
Und da wir bei der Anschauung eines solchen Gebildes gar nicht 
die Verhältnisse an sich anschauen, sondern immer unwillkürlich 
an die Art der Benutzung, an die Bedingungen des Materials 
denken, so geht daraus hervor, dass wir das Problem der Pro¬ 
portion an der Hand architektonischer und dekorativer Werke 
überhaupt nicht lösen können. Denn wir sind ganz ausser stände, 
hier die ästhetischen Gesichtspunkte streng von den praktischen 
zu scheiden, die Proportionsschönheit gewissermassen in Reinkultur 
darzustellen. 
Dazu kommt noch der Einfluss der Gewohnheit, der gerade 
hier, wo es sich nicht um Nachahmung der Natur handelt, von 
grosser Bedeutung ist. Jedermann hat ein Gefühl dafür, wie in 
einer bestimmten Zeit und unter bestimmten gesellschaftlichen Be¬ 
dingungen die Proportionen eines Wohnhauses zu sein pflegen. 
Er hat eine bestimmte Vorstellung von dem Verhältnis der Höhe 
des Daches zu den Mauern, der Thüren und Fenster zur Mauer¬ 
fläche, der Dicke der Säulen zu ihrer Höhe u. s. w., und er be¬ 
urteilt das gesehene Bauwerk nach dieser Vorstellung. Was er 
anschaut und in sich aufnimmt, sind wiederum nicht Verhältnisse, 
sondern Verhältnisgleichungen. Er vergleicht das Gesehene mit 
den Vorstellungsbildern von Ähnlichem, was er früher gesehen hat. 
Dies gilt besonders in Zeiten, während deren ein bestimmter 
Stil in der Architektur und Dekoration herrscht. Jeder Stil hat seine 
eigenen Proportionen. Der antike Tempel zeigt andere Verhältnisse 
als die gotische Kirche, diese wieder andere als ein Renaissance¬ 
palast. Der dorische Stil hat andere Proportionen als der ionische, 
dieser andere als der korinthische u. s. w. — nebenbei gesagt 
wiederum ein Beweis, dass die Schönheit in den Proportionen an
        

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