Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/315/
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aufgeworfen, ob es kein von der Empirie unabhängiges 
Proportionsprinzip gebe, nach dem die höchste Schönheit zu be¬ 
stimmen sei. Früher pflegte man Behauptungen dieser Art auf 
dem metaphysischen Begriff der Idee aufzubauen. Diese Idee 
war ein kosmisches Urprinzip, das über den Dingen schwebte, 
eine Form des Schöpfungsplans, nach der die Welt mit allen ihren 
Teilen geschaffen sein sollte. Man nahm an, dass sie allerdings 
in den realen Erscheinungen meistens nicht klar zur Anschauung 
komme, weil sie hier in der Regel durch allerlei störende Ver¬ 
hältnisse getrübt sei. Die Kunst aber müsse sie darstellen, darin 
• • 
bestehe gerade ihre Überlegenheit über die Natur. Der Wert 
einer individuellen Erscheinung hing danach einfach von ihrer 
Übereinstimmung mit der angeblichen Idee ab. Stimmte sie mit 
ihr überein, so war sie schön, stimmte sie nicht mit ihr überein, 
so war sie hässlich. 
Mit dem Verzicht auf den metaphysischen Standpunkt muss 
natürlich auch die Idee als kosmisches Urprinzip fallen. Die 
• • 
psychologische Ästhetik hat nun die Aufgabe das psychologische 
Korrelat der metaphysischen Idee an ihre Stelle zu setzen. Dieses 
ist aber offenbar die Vorstellung, die der Mensch sich 
aus der Anschauung der Natur gebildet hat. Auch der 
• • 
psychologische Ästhetiker begnügt sich bei der Analyse der ästhe¬ 
tischen Anschauung nicht mit der Annahme eines einfachen Wahr¬ 
nehmungsbildes, sondern nimmt neben ihm eine Idee an. Nur 
ist diese Idee kein kosmisches Prinzip, sondern die Vorstellung von 
der Natur, die schon vor der Anschauung im Bewusstsein des An¬ 
schauenden vorhanden ist und mit der das Einzelne bei der An¬ 
schauung unwillkürlich verglichen wird. 
Der Unterschied von der metaphysischen Auffassung ist dabei 
nun der, dass der psychologische Ästhetiker, soweit er Empiriker 
ist, die Variabilität dieser Vorstellung anerkennt, d. h. bei jedem 
Individuum eine in ihren Einzelheiten andere Vor¬ 
stellung von der Natur voraussetzt. Die Schönheit ist 
dann unter dieser Annahme die Übereinstimmung eines Individuums 
mit der Vorstellung von schöner Natur, die sich ein bestimmter 
Beschauer infolge von Vererbung und Anpassung gebildet hat. Und 
da diese Vorstellung nachweislich bei allen Menschen, die nicht 
unter dem Einfluss einer gemeinsamen Kunsttradition stehen, eine 
verschiedene ist, so muss auch das Schöne, soweit es mit Zahlen 
und Massen ausgedrückt werden kann, etwas Verschiedenes sein.
        

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