Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/314/
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nichts wissen und behaupten vielmehr, dass der normale weibliche 
Körper in Bezug auf das Verhältnis von Ober- und Unterkörper 
genau mit dem männlichen übereinstimme. Dass es weibliche 
Körper giebt, bei denen dies der Fall ist, wird man schwerlich 
leugnen können. Aber zahlreiche Messungen an Malermodellen 
und nackten Weibern auf den Bildern moderner Maler beweisen, 
dass der weibliche Körper durchschnittlich kürzere Beine hat als 
der männliche, was sich ja auch entwickelungsgeschichtlich sehr 
leicht verstehen lässt. Die entgegengesetzte Behauptung der Ana¬ 
tomen und Frauenärzte erklärt sich wie ich glaube daraus, dass 
sie ihre Normalproportion des weiblichen Körpers gar nicht aus 
dem Durchschnitt der Natur, sondern aus dem der Antike und 
einer ihr besonders entsprechenden Natur gewonnen haben. Und 
die griechischen Bildhauer haben auch beim weiblichen Körper die 
Proportionen, die sie in der Natur fanden, unwillkürlich im Sinne 
des Jünglingskörpers abgewandelt. Und dies ist wieder für unsere 
Vorstellung vom weiblichen Körper entscheidend geworden. Denn 
wir bilden uns diese Vorstellung thatsächlich gar nicht aus der 
Natur, sondern aus der Kunst, und zwar der antiken Kunst. Daher 
kommt es, dass wir den ersten nackten weiblichen Körper, den 
wir in der Natur sehen, meistens hässlich finden, woraus sich dann 
Theorien wie die vom Schönheitsfehler der Frauen und ihren angeb¬ 
lichen Bemühungen, ihn durch die Toilette zu verdecken, entwickeln. 
Natürlich ist es ästhetisch falsch, eine Frau nur dann schön 
proportioniert zu finden, wenn ihre Längenverhältnisse mit denen 
des Mannes übereinstimmen. Denn ihre Breitendimensionen stim¬ 
men ja doch nicht mit ihnen überein und warum gerade ein 
Teil der Verhältnisse übereinstimmen soll, ein anderer nicht, lässt 
sich schlechterdings nicht absehen. Jedes Geschlecht hat eben die 
Dimensionen, die seinen körperlichen Aufgaben am besten ent¬ 
sprechen. Und wenn die Frauen kürzere Beine haben als die 
Männer, so kann man gerade das als sekundäres sexuelles Merkmal 
besonders schön finden. Deshalb ist es auch nur zu billigen, dass 
moderne Bildhauer wie Klinger sich bei ihren nackten Weibern 
gar nicht um die Proportionen der Antike kümmern, sondern ihre 
Modelle so darstellen, wie sie ihnen in der Natur entgegentreten. 
Da es nun bei der Verschiedenheit der thatsächlich vor¬ 
kommenden Proportionen und den offenbaren Abweichungen des 
Proportionsgeschmacks unmöglich ist, eine Proportion empirisch 
als die schönste nachzuweisen, so hat man natürlich die Frage
        

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