Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/273/
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zwischen beiden immer die ersteren siegen, so darf man daraus 
schliessen, dass die Kunst wohl allenfalls ohne formale, nicht aber 
ohne illusionistische Reize existieren kann. 
Wenn wir uns nun mit diesen allgemeinen Gesichtspunkten 
zu den einzelnen Reizen wenden und dabei mit den akustischen 
beginnen, so ist bekanntlich die Ursache, warum ein Ton schöner 
ist als ein Geräusch, warum konsonierende Töne besser klingen als 
dissonierende, in der Regelmässigkeit der Schallwellen und dem 
rationalen Verhältnis der Schwingungszahlen der einzelnen Töne, 
das wieder mit dem Mitschwingen der Obertöne zusammenhängt, 
zu erkennen. So sehr dies nun auch einleuchtet, so wenig kann 
man ästhetisch damit anfangen. Denn diese Thatsache würde ja 
eigentlich fordern, dass die Kunst Sich überhaupt keiner Ge¬ 
räusche bediente und beim Zusammenklingen mehrerer Töne 
immer nach der denkbar grössten Konsonanz strebte. Das ist aber 
wie gesagt keineswegs der Fall. Wir wenden, besonders in der 
Orchestermusik, noch sehr häufig das Geräusch an, und eine Musik, 
die nur aus Akkorden bestände, würde uns im höchsten Grade 
langweilig sein. Die Musik als Kunst erfüllt also thatsächlich die 
Forderung nicht, die die Tonphysiologie stellt, ganz abgesehen 
von ihrer modernen Entwickelung, der man eine Bevorzugung 
naturalistischer Geräusche, lärmender Dissonanzen nicht mit Un¬ 
recht vorgeworfen hat. Schon die Dissonanz an sich, mag sie nun 
stärker oder weniger stark hervortreten, mag sie nun aufgelöst 
werden oder nicht, mag man sie nun als Folie der Konsonanz 
auffassen oder sonstwie erklären, widerspricht der physiologischen 
Forderung. Sie kann nur vom Standpunkt des Ausdrucks, d. h. 
der Illusion erklärt werden. Die Dissonanz ist einfach deshalb 
berechtigt, weil das, was die Musik ausdrücken soll, auch einen 
dissonanten Charakter haben kann. Eine Harmonie ist natürlich 
in erster Linie deshalb schön, weil sie sinnlich reizend ist. Schön 
kann aber auch eine Disharmonie sein, wenn sie nur an der Stelle, 
an der sie steht, etwas bedeutet. Es ist natürlich müssig, darüber 
zu streiten, ob uns an der modernen Musik mehr der sinnliche 
Reiz oder die Ausdrucksfähigkeit gefällt — die Menschen werden 
entsprechend ihrer verschiedenen Organisation in dieser Beziehung 
verschiedene Bedürfnisse haben — sicher ist nur soviel, dass 
Harmonie sowohl wie Disharmonie in den Dienst des Ausdrucks 
gestellt werden können, während doch von beiden nur die 
Harmonie als sinnlicher Reiz aufgefasst werden kann. Und wenn 
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