Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/267/
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tasie zur Wirklichkeit ergänze, so thue ich das auf Grund ganz 
bestimmter Züge, die mich gerade zu dieser Ergänzung anregen. 
Das Vorstellungsbild entwickelt sich organisch aus dem Wahr¬ 
nehmungsbilde. Wenn ich aber an das Wahrnehmungsbild des 
Taschenspielerkunststücks rein versuchsweise eine Anzahl von Vor¬ 
stellungsbildern heranbringe, durch die ich glaube die Sache allen¬ 
falls erklären zu können, so ist das offenbar etwas ganz anderes, 
viel Zufälligeres und Willkürlicheres. 
Auch die Absicht, die der Taschenspieler mit seiner Thätigkeit 
verfolgt, ist eine ganz andere als die, die dem Künstler vorschwebt. 
Der Taschenspieler will wirklich täuschen, der Künstler nur zu 
einer spielenden Selbsttäuschung anregen. Während der letztere 
gerade diejenigen Formen anwendet, die dem Wahrnehmenden 
infolge seiner Kenntnis der Natur die gewollte Vorstellung sugge¬ 
rieren, bemüht sich der erstere, durch allerlei Kunstgriffe die Ent¬ 
wickelung der richtigen Vorstellung aus dem Wahrnehmungsbilde 
zu hintertreiben. Seine Absicht ist also genau die entgegengesetzte. 
Das letztere gilt nun von allen „Illusionen“ der höheren Magie, 
der scheinbaren Verbrennung oder Köpfung lebender Personen, 
dem Emporschweben in die Luft infolge optischer Spiegelung, 
den plötzlichen überraschenden Verwandlungen u. s. w. Denn hier 
handelt es sich immer um die Absicht wirklicher Täuschung. Mag 
auch der Zuschauer bei solchen Produktionen theoretisch wissen, 
dass er getäuscht werden soll, so ist sein psychisches Erlebnis doch 
keine bewusste Selbsttäuschung, da er die Mittel, mit denen der 
Künstler diese Wirkung erreicht, nicht durchschaut. Für den 
ästhetischen Genuss ist eben dieses Durchschauen, diese Klarheit 
über das Verhältnis der Darstellungsmittel zu der beabsichtigten 
Wirkung unerlässliche Voraussetzung. 
Somit haben wir durch die Analyse der unkünstlerischen 
Illusion einen klaren Einblick in das Wesen der künstlerischen 
gewonnen. Wir sind dabei von der empirisch feststehenden That- 
sache ausgegangen, dass die hier besprochenen Vergnügungen niedere 
Formen der Illusion sind, dass sie keinen höheren Kunstgenuss 
erzeugen. Und indem wir nun den Unterschied dieser Thätigkeiten 
von den eigentlich künstlerischen zu ermitteln suchten, fanden 
wir, dass eine der wichtigsten Bedingungen des wahren Kunst¬ 
genusses das strenge Auseinanderhalten von Kunst und Natur ist. 
Wo wahrer Kunstgenuss entstehen soll, muss im Bewusstsein des 
Geniessenden nicht nur die Vorstellung des Naturobjektes oder des
        

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