Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/257/
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das Bewusstsein, das den Vordergrund mit Recht als Natur nimmt, 
möchte beim Fortschreiten in die Tiefe auch den Hintergrund als 
Natur nehmen und ist unangenehm berührt, wenn ihm hier plötz¬ 
lich eine Illusionsthätigkeit zugemutet wird, auf die es nicht vor¬ 
bereitet war. Dadurch entsteht wiederum derselbe hinkende Ein¬ 
druck wie beim Stereoskop und Kinematographen. 
Besonders peinlich wird der Eindruck, wenn der Beschauer sich 
bewegt, wozu ja die runde Estrade in der Mitte, wenn sie sich 
nicht selber dreht, schon durch ihre Form auffordert. Dann ver¬ 
schieben sich zwar die Gegenstände des Vordergrundes, die ja im 
wirklichen Raume stehen, sehr stark gegeneinander, aber die Objekte 
des Hintergrundes, da sie gemalt sind, nicht. Dadurch entsteht ein 
Missverhältnis, ein Widerspruch, der sich in unangenehmer Weise 
geltend macht, ja geradezu das Gefühl des Schwindels hervorruft. 
Man fragt sich in der That, was es für einen Zweck hat, durch 
plastische Ausführung der näher befindlichen Gegenstände einen 
wirklichen Raum zu schaffen, wenn dieser schon in einer Ent¬ 
fernung von wenigen Metern aufhört und von einer bemalten 
Fläche abgelöst wird. Eine solche partielle Aufhebung illusions¬ 
störender Momente ist schon deshalb unkünstlerisch, weil das 
Ganze dadurch in Bezug auf das Raumproblem in zwei scharf 
voneinander getrennte Teile zerlegt wird, die psychisch ganz ver¬ 
schieden wirken. Man kann wohl in einem Kunstwerk wirklichen 
Raum ohne wirkliche Bewegung geben — wie es z. B. die Plastik 
thut —, aber man kann nicht einen Teil einer räumlich gedachten 
Wirklichkeit räumlich, den anderen flächenhaft darstellen. Das käme 
ungefähr auf dasselbe heraus wie wenn man in einer plastischen 
Gruppe unbewegte Figuren mit automatisch bewegten zusammen¬ 
stellen wollte oder wie wenn die Barockdekoration zuweilen die 
Glieder plastischer Figuren in Malerei fortsetzt. Die teilweise 
plastische Ausführung des Panoramas ist eben nur eine teilweise 
Aufhebung eines illusionsstörenden Moments, nämlich derFlächen- 
haftigkeit des Bildes. Eine weitere Aufhebung eines solchen ist 
die Unterdrückung des Rahmens, die sich aus der Anbringung des 
Bildes auf einer cylindrischen in sich selbst zurücklaufenden Fläche 
ergiebt. Die Absicht der Illusion ist also klar. Dem Beschauer 
soll mit aller Gewalt die Natur vorgetäuscht werden. Aber ganz 
ist das doch nicht geglückt. Obwohl man mitten in den Dingen 
drinzustehen glaubt, ist doch alles, auch das Bewegteste unbewegt : 
ein Widerspruch, über den man ebenfalls nicht hinauskommen 
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