Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/25/
ERSTES KAPITEL 
DAS ZIEL 
ES ist das Ziel jeder wissenschaftlichen Kunstlehre, das Wesen 
der Kunst zu ermitteln. Dieses Ziel schliesst drei Aufgaben 
in sich: Erstlich durch Vergleichung der verschiedenen Künste 
miteinander ihre enge Verwandtschaft, d. h. die Einheit der Kunst 
nachzuweisen; zweitens die psychischen Vorgänge des ästhetischen 
Genusses und des künstlerischen Schaffens zu analysieren ; drittens 
auf Grund dieser Analyse die Gesetze des künstlerischen Schaffens 
und der Kunstentwickelung festzustellen. 
Jede Wissenschaft strebt danach, die einzelnen Thatsachen, die 
dem Forscher als empirisches Material gegeben sind, unter all¬ 
gemeine Gesichtspunkte zu bringen und von diesen aus zu ver¬ 
stehen. Solange ein Gesichtspunkt noch nicht so allgemein ist, 
dass er alles Einzelne erklärt, hat er nur provisorische Bedeutung. 
Im Wesen der wissenschaftlichen Forschung liegt es, dass sie sich 
bemüht, zu immer allgemeineren Wahrheiten vorzudringen. Die 
Aufgabe, die sie sich stellt, ist stets die Ermittelung eines Prin¬ 
zips, einer Theorie, einer Hypothese, eines Gesetzes oder wie 
man es nennen will, dem sich alles Einzelne fügt, aus dem alles 
Einzelne abgeleitet und erklärt werden kann. Wer dieses Streben 
für unnütz oder unmöglich hält, erklärt damit die Wissenschaft 
für bankerott. Denn ein sorgfältiges Zusammentragen von Einzel- 
- heiten ist keine Wissenschaft. 
Es kommt also in der Kunstlehre nicht darauf an, eine Anzahl 
von Eigentümlichkeiten der Kunst zu ermitteln, die alle gleich¬ 
berechtigt nebeneinander stehen, oder ein paar allgemeine Wahr¬ 
heiten zu finden, die auf einige Künste passen, auf andere dagegen 
nicht, und daneben vielleicht ein paar andere, mit denen man 
wieder die übrigen erklären kann, sondern es kommt darauf an, 
das Gemeinsame aller Künste zu ermitteln, d. h. das ausfindig zu 
machen, worauf die Einheit sowohl aller Künste als auch der 
ganzen historischen Kunstentwickelung beruht. Dieses Eine stellt 
dann das Wesen der Kunst dar, d. h. das, was den ästhetischen
        

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