Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/242/
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Anschauung eine wirkliche Täuschung, ein Erleben wirklicher Ge¬ 
fühle, so wäre nicht nur die Oper, sondern auch das Musikdrama 
eine vollkommen unmögliche Kunstform. Denn gesungene Dialoge 
und in musikalische Formen umgesetzte Geräusche kann niemand 
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für Wirklichkeit oder Äusserung des Lebens halten. Die drama¬ 
tische Musik nimmt, obwohl sie Handlungen darstellt, an den 
illusionsstörenden Momenten der Orchestermusik teil. 
Am stärksten aber machen sich die illusionsstörenden Momente 
in der Architektur und den dekorativen Künsten be¬ 
merkbar. Von den tektonischen Motiven, die aus ganzen mensch¬ 
lichen und tierischen Figuren bestehen, will ich gar nicht einmal 
reden. Für sie gelten dieselben illusionsstörenden Momente wie 
für die Plastik überhaupt, Bewegungslosigkeit und hartes, farbloses 
Material, wozu hier noch die Unmöglichkeit der bestimmten Hand¬ 
lung, in der sie dargestellt sind, an den bestimmten Stellen, an 
denen sie sich befinden, kommt. Niemand kann auf den Gedanken 
verfallen, die Atlanten oder Karyatiden, die hoch oben an einem 
Bauwerk, auf irgend einem vorragenden Gesimse stehen, um hier 
eine Decke oder ein Gebälk zu stützen, seien wirkliche Menschen. 
Und mögen die mittelalterlichen Konsolenfiguren und Kanzelträger 
sich noch so sehr mit Tragen abmühen, wir glauben es ihnen 
nicht, weil sie, abgesehen von ihrer Unbeweglichkeit und ihrem 
uns ganz genau bekannten Material, eine so schwere Last, wenn sie 
lebendig wären, doch nicht tragen könnten. Ein bronzener Schwan, 
der das Wasser einer Fontäne aus seinem Schnabel emporspritzt, 
ein marmorner Löwe, der eine Säule auf seinem Rücken trägt, 
ein Adler, der mit ausgebreiteten Flügeln ein Lesepult stützt, das 
sind tektonische Motive, die schon durch die ganze Art ihrer Be¬ 
wegung und tektonischen Funktion den Gedanken an Wirklichkeit 
ausschliessen. Sie erzeugen eben keine Täuschung, sondern nur 
eine spielende Vorstellung. 
Wo nun gar Teile von Menschen oder Tieren in Vermischung 
mit architektonischen Gliedern, Pilastern u. s. w. auftreten, wie 
z. B. Löwenköpfe, die ringförmige Thürklopfer im Rachen halten 
oder das Wasser einer Quelle ausspeien, menschliche Oberkörper, 
die aus Pfeilern hervorwachsen, Leuchterweibchen, die mit Hirsch¬ 
geweihen verbunden sind,Tierfüsse und Tierköpfe an Möbeln u. s. w., 
kann vollends von einer Täuschung nicht die Rede sein. Kein 
Mensch wird einen Stuhl oder ein Ruhebett, dessen Füsse die Ge¬ 
stalt von Löwenklauen oder Hundetatzen oder Rehfüssen haben,
        

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