Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/232/
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den Künstlern innewohnende Streben nach Illusion. Sie lehnt es 
aber ab, in diesem Streite Partei zu ergreifen. Wenn selbst ein 
extrem-realistisches Kolorit bei der Natur des Marmors nicht die 
volle Illusion des Fleisches erzeugen kann, so ist es wirklich prin¬ 
zipiell ziemlich gleichgültig, wie weit man die Bemalung hinter der 
Natur Zurückbleiben lässt. Selbst die völlige Farblosigkeit ist nicht 
ausgeschlossen. In dieser Beziehung kann man nur sagen, dass 
die Plastik seit mehreren hundert Jahren fast völlig farblos ge¬ 
wesen ist oder sich nur mit einer leichten Tönung und wenig 
farbigen Zuthaten beholfen hat. Man wird nicht behaupten können, 
dass die Kunst eines Michelangelo, Bernini und Schlüter darunter 
wesentlich gelitten hätte. Die farblose Plastik hat genau dieselbe Be¬ 
rechtigung wie die farblose Zeichnung, überhaupt die schwarzweisse 
Griffelkunst. Wer hätte jemals behauptet, dass die Farblosigkeit 
der Radierung ein Hindernis für ihre ästhetische Wirkung wäre? 
Im Gegenteil, man hat es immer als ihren besonderen Vorzug 
angesehen, dass sie trotz der Beschränkung auf den Gegensatz 
von Schwarz und Weiss doch malerische Wirkungen heraus¬ 
bekommen könne. Und die Geschichte der graphischen Künste 
lehrt, dass gerade ihre farbigen Gattungen sich weniger realistisch 
entwickelt haben als ihre farblosen. Man denke an den japanischen 
Farbenholzschnitt im Gegensatz zur holländischen Radierung. Es 
hat etwas Barockes, sich eine Rembrandtsche Radierung farbig zu 
denken, und die Einführung der Farbe in die moderne Radierung 
kann nicht als glücklich bezeichnet werden. Es scheint, dass gerade 
das Fehlen der Farbe die graphischen Künste zu der gesunden 
realistischen Entwickelung gedrängt hat, die ihre Geschichte auf¬ 
weist. Sie mussten sich eben bemühen, dieses illusionsstörende 
Moment zu überwinden und wurden dadurch gezwungen, sich 
innerhalb der ihnen gesteckten Grenzen so realistisch wie möglich 
zu entwickeln. Je mehr die Kunst durch Anwendung äusserlich hin¬ 
zugebrachter Mittel die Wirkung der Natur zu imitieren sucht, um 
so weniger realistisch wird sie sich innerhalb der ihr eigenen For¬ 
mensprache entwickeln. Daher kommt es, dass so viele realistisch 
empfindende Bildhauer von polychromer Plastik nichts wissen 
wollen. Sie haben eben das Gefühl, dass sie schon mit ihren 
plastischen Mitteln eine Naturwahrheit erreicht haben, die sie auch 
durch Hinzufügung von Malerei nicht wesentlich steigern könnten. 
Die Ästhetik muss es ablehnen, hier eine Entscheidung zu 
treffen. Einerseits kann sie die Anwendung auch einer realisti-
        

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