Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/213/
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älter und reifer er geworden sei, um so mehr der Natur genähert 
habe. Früher, so habe er ihm einmal selbst gesagt, sei er über 
die Mannigfaltigkeit und Buntheit seiner Bilder erfreut gewesen, 
also gerade das, was Michelangelo in den Gesprächen mit Hollanda 
an den niederländischen Bildern tadelt und was man etwa als 
äusserlichen dekorativen Farbenreiz bezeichnen könnte. In seinem 
Alter aber habe er angefangen, die Natur unmittelbar anzuschauen, 
ihre echte Erscheinung so genau, wie es ihm nur möglich sei, 
nachzuahmen. Die Erfahrung lehre ihn aber, wie schwer es sei, 
nicht von der Natur abzuweichen. 
Dürer ist nicht nur als Praktiker, sondern auch als Theoretiker 
ein Realist vom reinsten Wasser. Natürlich spielt auch bei ihm „das 
Schöne“ eine gewisse Rolle, und er scheint sogar in seiner Jugend, 
als er unter dem Einfluss des Jacopo de’ Barbari stand, geglaubt 
zu haben, dass die Schönheit der menschlichen Gestalt sich in be¬ 
stimmte Zahlen, Proportionsschemen u. s. w. fassen lasse. Ich habe 
aber kürzlich an der Hand seiner Proportionslehre nachgewiesen, 
dass er, je mehr er die Mannigfaltigkeit der Natur aus eigenem 
Studium kennen lernte, um so mehr zu der Einsicht kam, dass das 
unmöglich sei, dass man eben nichts anderes thun könne, als die 
Natur möglichst genau nachzuahmen. Dabei legte er ebenso wie 
Lionardo da Vinci auf die charakteristische Darstellung den grössten 
Wert. Der Maler hat durchaus nicht nur Schönes, sondern auch 
Hässliches darzustellen, je nach der Aufgabe, die ihm gestellt ist. 
Die Hauptforderung ist dabei die, dass er die gewählten Formen 
charakteristisch und die einzelnen Glieder eines Körpers zu einander 
und zum Ganzen passend darstelle. Denn der in der Natur vor¬ 
handenen Formen sind unzählig viele. Mit wahrer Wonne schildert 
Dürer die verschiedenen Varianten der Gestalt und des Gesichts 
und begleitet diese Angaben mit den bekannten Karikaturzeich¬ 
nungen, den „verrückten Gesichtern“, die so sehr an die Karikatur¬ 
köpfe Lionardos erinnern. 
Da aber die Natur ihre Formen so variiert, muss auch die 
Malerei sie variieren. Natürlich nur so weit, dass die Figuren 
menschlich bleiben, nicht tierisch oder phantastisch werden. „Und 
dass die Art durch den ganzen Leib gleichförmig wär, auch in allen 
Bilden, es sei in härter (knochiger) oder linder (weicher) Art, 
fleischechtig oder mager. Nit dass ein Teil feist, der ander dürr sei, 
als ob du machtest feiste Bein und mager Arm und widersinns 
(umgekehrt), oder vorn feist, hinten mager und wiederum. Auf
        

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