Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/212/
er nicht bei ihrem Anblick alles Blut in seinen Adern wallen fühlte. 
Und in einem Briefe an Tizian selbst vom Jahre 1538 sagt er, 
durch die Vollendung seiner Kunst näherten sich seine Bildnisse 
so sehr der Wirklichkeit, dass wenn sie nur Atem hätten, die Natur 
überflüssig erscheinen könnte. 
Der Maler bedarf aber noch eines anderen Dinges, das nicht 
minder von nöten ist als alle übrigen, das ist, dass seine Malereien 
die Stimmungen und Leidenschaften des Gemüts bewegen, so dass 
die Beschauer fröhlich werden und sich betrüben, je nach der. 
Beschaffenheit des Gegenstandes, ebenso wie es die guten Dichter 
und Redner vermögen. Ohne diese Eigenschaft bleiben seine Bilder 
kalt, seine Gestalten leblos und bewegungslos. Die Figuren eines 
Bildes müssen den Geist des Beschauers anregen, die einen zur 
Wehmut, die anderen zur Freude, diese zum Mitleid, jene zum 
Zorn, je nach der Eigentümlichkeit des dargestellten Gegenstandes. 
Sonst wähne der Maler ja nicht überhaupt etwas geschaffen zu 
haben. Denn Anregung bleibt der eigentliche Zweck seiner Kunst; 
was übrigens auch bezüglich der Dichter, der Geschichtsschreiber 
und Redner gilt, da das Geschriebene und Gesprochene des Geistes 
und der Lebendigkeit entbehrt, sobald ihm diese Kraft abgeht. 
Anregen kann aber der Maler nicht, wenn er nicht vor der Er¬ 
findung seiner Figuren selbst jene Leidenschaften und Affekte im 
eigenen Gemüte empfunden hat, die er in anderen erwecken will. 
Dante charakterisiert vortrefflich die anregende Kraft des Malers 
in folgenden Versen: 
Morti li morti, e i vivi parean vivi 
No vide me’ di me chi vide il vero, 
d. h. die Wirkung der Malerei ist ganz dieselbe als wenn man die 
Wirklichkeit sieht. So erwecken die Bilder der Heiligen in wohl- 
thuender Weise die Frömmigkeit, während die der berühmten 
Männer den Beschauer zu gleich tugendhaften und ausgezeichneten 
Handlungen begeistern. 
Im ganzen Dolce steht also kein Wort, das dem Illusions¬ 
prinzip widerspräche, im Gegenteil jede einzelne Forderung, die er 
an die Malerei stellt, ist nur im Zusammenhang mit ihm ver¬ 
ständlich. Alle Mittel, die dem Maler zur Verfügung stehen, Er¬ 
findung, Charakteristik, Komposition, Zeichnung, Kolorit und 
Gesichtsausdruck treten in den Dienst der Illusion. 
Dieses Prinzip beherrscht nun auch die deutsche Kunstlehre 
jener Zeit. Von Dürer berichtet Melanchthon, dass er sich, je
        

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