Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/211/
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Bellini einerseits und des Giorgione und Tizian anderseits sehr 
einfach so formuliert, dass sich bei jenem die Fleischtöne dem 
Natürlichen nur nähern, während man bei diesen sagen kann: 
Sie haben so naturgetreue Töne, dass sie gleichen Schritt mit der 
Natur halten. Tizian ist überhaupt in Dolces Augen der göttliche 
unerreichte Maler. Denn er verbindet mit der Vollendung der 
Zeichnung die Lebendigkeit des Kolorits in einer Weise, dass seine 
Bilder nicht gemalt, sondern wirklich zu sein scheinen. Die Bunt¬ 
heit der Farben ist dabei durchaus nicht das Entscheidende. „Ich 
will zwar nicht behaupten, dass schöne Farben einem Bilde nicht 
auch an sich zum Schmuck gereichten. Aber wenn der Fall der 
ist, dass mit dem Kolorit zusammen nicht auch Schönheit und 
Richtigkeit der Zeichnung angetroffen wird, so ist die Mühe eitel. 
Es ist dann wie mit schönen Worten ohne Saft und Mark von 
Gedanken. Sehr im Irrtum sind die, die den bewundernswerten 
Tizian loben wollen, weil er in den Färbungen so trefflich sei. 
Wenn ihm kein anderes Lob als dieses gebührte, so würden ihn 
viele Weiber, die sich mit schönen Farben schmücken, über¬ 
treffen.“ Man sieht also, wie weit die venezianische Schule, deren 
Dolmetsch der Verfasser ist, davon entfernt war, die Bedeutung des 
Kolorits in dem sinnlichen oder dekorativen Reiz der Farben zu 
erkennen. Seine Gestalten sind voll Bewegung, lebenstreu und 
förmlich greifbar. In seinem Kolorit kämpfen und scherzen die 
Lichter stets mit dem Schatten und sie nehmen ab und verlieren 
sich genau in derselben Weise, wie dies in der Natur selbst der 
Fall zu sein pflegt. An seinem heiligen Nikolaus scheint das Gold 
des Pluviale wirklich gewebt zu sein. Der Sebastian hat einen so 
natürlichen Fleischton, dass er mehr lebendig als gemalt aussieht. 
Als Pordenone ihn sah, soll er ausgerufen haben: Ich glaube, an 
diesem nackten Körper hat Tizian anstatt der Farbe Fleisch ver¬ 
wendet! Von dem nackten Bein eines Mädchens wird gesagt, es 
scheine von wirklichem Fleisch und nicht gemalt zu sein. Der 
Adonis ist von so gefälliger Farbe, dass sein Fleisch überaus zart 
und wie mit wirklichem Blut angefüllt erscheint. Die Hunde bei 
ihm sind von so schöner Form und so naturwahr gemalt, dass sie 
zu wittern und zu bellen scheinen, voll Begier, ein Wild anzufallen. 
Bei der Venus schwört Dolce (in einem Briefe), dass es keinen 
Menschen von noch so scharfem Blick und Geschmack gebe, der 
sie bei ihrem Anblick nicht für lebendig hielte. Niemand wäre 
gewiss vom Alter so kalt geworden und von so harter Natur, dass
        

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