Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/209/
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sind die Bewegungen und Verkürzungen. Es ist wirklich etwas 
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Anmutiges und Überraschendes für das Auge des Beschauers, auf 
Leinwand, Marmor oder Holz eine leblose Gestalt zu sehen, die 
sich zu bewegen scheint. Die Verkürzungen berühren das Auge 
des Beschauers wunderbar, da er oft glaubt, etwas in seiner ganzen 
Grösse und wirklichen Proportion vor sich zu sehen, was that- 
sächlich kaum die Länge einer Hand hat. Dennoch soll man die 
Verkürzungen nicht übertreiben, weil sie sonst leicht gesucht 
erscheinen. Je seltener sie Vorkommen, um so überraschender 
werden sie wirken. Michelangelo hat sie nach Aretinos Urteil 
übertrieben. Immerhin beruht seine Stärke auf der Zeichnung. 
Er ist es, der zuerst in diesem Jahrhundert den Malern die schönen 
Konturen, die Verkürzungen, das Relief, die Bewegung, kurz alles 
das gezeigt hat, was beim vollendeten Studium des Nackten ver¬ 
langt wird. Auch Dürers Kupferstiche werden sehr gepriesen, 
denn sie geben mit unvergleichlicher Zartheit die Weichheit und 
Lebhaftigkeit des Natürlichen derart wieder, dass sie nicht gezeichnet, 
sondern gemalt, nicht gemalt, sondern lebendig zu sein scheinen. 
Wie aber steht es mit dem venezianischen Kolorit? Dieses 
hat doch gewiss in erster Linie dekorative Bedeutung? Wir werden 
von bestimmten Farbenzusammenstellungen hören, die schön, von 
anderen, die nicht schön sind, man wird uns die ornamentale 
Bedeutung der Farben recht deutlich zu machen suchen. Nichts 
von alledem. Auch das Kolorit steht im Dienste der Illusion. 
Die antiken Täuschungsanekdoten von Zeuxis, Parrhasios, Proto- 
genes u. s. w. zeigen die grosse Mühe, die sich die Alten mit dem 
Kolorit gaben, „auf dass ihre Bilder der Wahrheit möglichst 
nahe kämen. Das Kolorit ist in der That von grösster Wichtigkeit, 
weil, wenn der Maler die Tinten, das Weiche der Fleischtöne 
und die Eigenart der verschiedenen Nebendinge koloristisch richtig 
wiedergiebt, wie sie in Wirklichkeit sind, seine Gestalten wie 
lebendig erscheinen, als wenn ihnen nur der Atem fehlte.“ 
Das Wichtigste beim Kolorit ist das Verhältnis von Licht und 
Schatten und die Verbindung zwischen beiden (also das Helldunkel), 
wodurch die Gestalten rund und je nach Bedarf mehr oder weniger 
voneinander getrennt erscheinen, da man hauptsächlich verhüten 
muss, dass die Figuren bei ihrer Verteilung den Eindruck der 
Verwirrung hervorbringen. Dazu dient ja auch die Perspektive, 
welche die Verkleinerung der Gegenstände, die sich entfernen oder 
fernstehend gedacht werden, darzustellen hat. Besonders aber 
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