Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/205/
die Augen jenes Schauspiel, in welchem sie die Wirklichkeit wieder¬ 
erkennen, wohlgefällig auf einmal. Ja selbst die Ohren glauben 
das Angstgeschrei und Stimmengewirr der gemalten Figuren zu 
vernehmen. Man glaubt den Rauch (von der brennenden Stadt) 
zu riechen, selber auf der Flucht vor den Flammen zu sein, vor 
dem Einsturz der Gebäude zu zittern. Ihr streckt die Hände aus, 
den Fallenden zu retten. Ihr wollt (bei einem Schlachtenbilde) 
denen helfen, die sich gegen viele zu verteidigen haben. Ihr flieht 
mit den Fliehenden, ihr haltet Stand mit den Beherzten. Deshalb 
glaube ich, dass die Macht der Malerei in der Hervorbringung 
starker Wirkungen, der Erregung des Geistes und des Gemütes 
zu Freude und Lachen wie zu Trauer und Thränen stärker und 
ihre Beredsamkeit eindringlicher ist als die der Poesie.“ 
Und Michelangelo selbst ist es, den er die Worte sprechen 
lässt: „Nach meinem Urteil ist diejenige Malerei die vorzüglichste 
und gleichsam göttlich, die irgend ein Werk des Ewigen (d. h. 
einen Gegenstand der Natur) ganz treu nachbildet, es sei eine 
Menschengestalt, ein wildes und fremdländisches Tier, einen ein¬ 
fachen, leicht nachzuahmenden Fisch, einen von den Vögeln unter 
dem Himmel oder sonst eine Kreatur. Ein jedes dieser Dinge 
vollkommen in seiner Art nachzuahmen (emitar), bedeutet in meinen 
Augen nichts Geringeres, als die Schöpferthätigkeit des unsterb¬ 
lichen Gottes nachzuahmen.“ 
Diese Nachahmung ist aber durchaus nichts Willkürliches, 
Allgemeines, Ungefähres, sondern eine sehr ernste Sache. Der 
Maler hat ja wohl eine gewisse Freiheit, Dinge zu erfinden, die 
er nie gesehen hat. Aber er erfindet niemals ein Ding, das nicht 
dem Bereich der Wirklichkeit angehören könnte. So wird er 
z. B. einer Menschenhand nicht zehn Finger, noch einem Pferde 
die Ohren eines Stiers oder den Rücken eines Kamels geben. 
Auch wird er nicht das Bein eines Elefanten so dünn und in 
demselben Charakter wie das eines Pferdes malen, noch auch dem 
Arme oder Gesichte eines Kindes einen Charakter verleihen, wie 
er einem Greise zukommt. Er wird kein Ohr und kein Auge um 
einen Finger breit von seinem Platze rücken dürfen. Ja selbst 
eine kaum bemerkbare Ader an einem Arm darf er nicht da 
anbringen, wo er es nach seiner Willkür für passend hält. Denn 
• • 
solche Änderungen wären geradezu falsch. 
Natürlich gilt es auch in diesem Kreise für ausgemacht, dass 
die Kunst, da sie ja täuscht, die wirklichen Ernstgefühle erzeugen
        

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