Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/178/
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nicht auf dem Inhalt. Es kommt dabei nicht auf das Was der 
Darstellung, sondern auf das Wie an, d. h. auf die Anwendung 
solcher Formen, durch die rasch und mühelos eine kräftige An¬ 
schauungsillusion zu stände kommt. 
Wir können das Ergebnis der letzten drei Kapitel jetzt zu¬ 
sammenfassen. Unsere Absicht ging dahin zu beweisen, dass alle 
Künste ohne Ausnahme das Kennzeichen der Illusion haben. 
Dieser Beweis ist geführt. Wir haben sämtliche Künste im 
höheren Sinne des Wortes durchgenommen und gefunden, dass 
der Genuss, mit dem wir ihre Schöpfungen aufnehmen, mit einer 
Illusion verbunden ist. Und wir haben alle niederen Künste damit 
verglichen und gesehen, dass ihnen diese Illusion fehlt. Weder in 
der Reitkunst, noch in der Akrobatik, noch in der Pyrotechnik, 
noch in der Parfümerie, noch in der Kochkunst ist die geringste 
Spur von einer Anschauungsillusion zu beobachten. Subjektive 
Bewegungsillusion kann man auch bei einigen dieser niederen 
Künste empfinden, aber Anschauungsillusion nicht. Ihre Erzeug¬ 
nisse sind das, was sie scheinen, wfir stellen uns nichts anderes 
unter ihnen vor. Und da man das Wesen einer Sache logischer¬ 
weise nicht in dem erkennen kann, worin sie mit anderen überein¬ 
stimmt, sondern was sie für sich allein hat, so schliessen wir 
daraus, dass die Illusion das wesentliche Kennzeichen der Kunst 
ist, dass jede Fertigkeit und Geschicklichkeit des Menschen erst 
durch die Illusion zur Kunst emporgehoben wird. 
Erst damit ist nun eine scharfe Abgrenzung der Kunst nicht 
nur gegen die eben erwähnten artistischen Fertigkeiten, sondern 
auch gegen alle anderen Thätigkeiten des Menschen ermöglicht. Erst 
jetzt wird uns völlig klar, was die Kunst vom Handwerk scheidet. 
In einem Handwerksprodukt sieht man immer nur das, was es ist, 
es regt den Beschauer nicht zu einer Illusion an. Sobald es auch 
nur den leisesten Ansatz zu einer Form zeigt, in der man sich 
etwas anderes vorstellen könnte als was man sieht, nähert es sich 
der Kunst. 
Erst jetzt können wir auch den Unterschied der ästhetischen 
Anschauung vom wissenschaftlichen Denken und vom ethischen 
Wollen, den wir früher im Fehlen des praktischen Zwecks gesucht 
haben, vollkommen erkennen. Weder beim wissenschaftlichen 
Denken noch beim ethischen Wollen noch beim moralischen 
Urteilen kommt eine Illusion zu stände. Was der Gelehrte erforscht
        

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