Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/173/
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Wenn der antike Möbelfabrikant und Bronzegiesser einen 
Kandelaber oder einen Dreifuss oder einen Tisch, ein Bett u. s. w. 
mit Füssen ausstattete, die die Form von Löwenklauen, Reh¬ 
füssen u. s. w. hatten, so erzeugte er damit eine Illusion, nämlich 
die, als ob das Möbel eine eigene organische Kraft der Vorwärts¬ 
bewegung hätte, die es ja thatsächlich nicht hatte. 
In allen diesen Fällen handelt es sich also um eine rein 
mechanisch bedingte, mit rein mechanischen Eigenschaften, Schwer¬ 
kraft, Kohärenz u. s. w. ausgestattete Materie, der durch die 
Kunstform der Anschein einer organischen Kraft verliehen wird. 
Die Vorstellung dieser organischen Kraft ist aber nichts anderes 
als eine Anschauungsillusion. 
Diese und tausend ähnliche Beispiele berechtigen uns nun, 
auch denjenigen tektonischen Formen, die nicht als direkte Nach¬ 
ahmungen von Naturformen aufgefasst werden können, die Absicht 
einer solchen Illusion unterzulegen. Um nämlich die Vorstellung 
einer organischen Kraft zu erzeugen, ist es durchaus nicht nötig, 
dass die Formen bestimmten Naturformen nachgebildet sind. Es 
genügt vollkommen, wenn sie ,nur an solche Naturformen er¬ 
innern, von ferne daran anklingen. Die neuere dekorative 
Kunst hat dies sehr richtig erkannt. Sie bemüht sich in den 
meisten Fällen gar nicht, bestimmte Naturformen zu kopieren oder 
die Flächen mit Ornament zu beleben, sondern sie abstrahiert aus 
der Natur gewisse Linien, Umrisse, Formen, in denen sich die 
organische Kraft und Bewegung besonders deutlich ausspricht, und 
verwendet sie da, wo sie die Illusion einer ähnlichen Kraft und 
Bewegung erzeugen will. In diesem Sinne kann z. B. eine be¬ 
stimmte Biegung oder Knickung eines Möbelfusses, ein bestimmtes 
Ausbauchen und Einziehen eines Gefässes sehr gut die Illusion 
einer organischen Kraft erzeugen, wenn auch nicht geleugnet 
werden soll, dass in diesem prinzipiellen Verzicht auf die Natur¬ 
nachahmung eine Gefahr liegt, der unsere moderne Dekoration 
hoffentlich entgehen wird. 
Die Wirkung derartiger, der Natur frei gegenüberstehender 
Formen ist zu vergleichen mit der der musikalischen Motive. 
Auch sie sind der Natur meistens nicht direkt nachgeahmt, son¬ 
dern nur aus melischen oder rhythmischen Elementen zusammen¬ 
gesetzt , die an irgend einen menschlichen Gefühlsausdruck oder 
irgend welche Stimmen und Geräusche der Natur erinnern. Schon 
diese blosse Erinnerung genügt, um bei dem Beschauer — durch
        

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