Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/171/
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Verdienst des Künstlers besteht eben darin, dass er diese ihren 
wirklichen mechanischen Eigenschaften nach ungegliederte einheit¬ 
liche Masse, diese indigesta moles durch die Kunstform organisch 
belebt und gegliedert hat. Diese Gliederung konnte natürlich in 
verschiedenem Sinne geschehen. Beim griechischen Tempelbau 
sind die tragenden und getragenen Teile scharf voneinander ge¬ 
schieden, beim mittelalterlichen Gewölbebau mit seinen Diensten, 
die sich unmittelbar in den Rippen fortsetzen, ist statt dessen eine 
Einheit, eine Zusammenfassung von Last und Stütze angestrebt, 
die den Anschein erweckt, als ob die organische Kraft vom untersten 
Punkte, der Pfeilerbasis, bis zum obersten, dem Schlussstein des 
Gewölbes einheitlich empordrängte. Im ersteren Falle beschränkt 
sich also die Illusion nur auf die unteren Teile, den Säulenkranz, 
während die oberen, Decke und Dach, so zu lasten scheinen, wie 
sie wirklich lasten. Im letzteren erstreckt sie sich auf alle Teile 
des Baues, auch auf Decke und Dach. Nur aus dem Bedürfnis, 
diese Illusion immer mehr zu steigern, die vorgestellte Kraft und 
Bewegung zu verstärken, nicht aber aus technischen Gesichts¬ 
punkten, ist die Entwickelung der mittelalterlichen Bauformen zu 
verstehen, die Häufung der Dienste, die Gliederung des Gewölbes 
durch Rippen, die immer mehr überhandnehmende Auflösung und 
Erleichterung der Masse. 
Alle die bekannten Einziehungen oder Ausbauchungen der 
tektonischen Gebilde, der Wechsel von konkaven und konvexen 
Formen, alles Vortreten und Zurücktreten der Flächen, alle 
Gliederungen der Fassaden durch Pilaster, Halbsäulen, Gesimse, 
Konsolen u. s. w. dienen dazu die Masse zu beleben, die Vorstellung 
einer bestimmten organischen Kraft an einzelnen Punkten zu kon¬ 
zentrieren, die Schwere der Materie für die Anschauung zu ver¬ 
ringern. Gerade dadurch werden die Vorstellungen des Stützens, 
Schwebens, Lastens, Emporschiessens, Einschliessens, Herausquellens, 
Zusammenziehens, Ausstrahlens, elastischen Widerstrebens, freien 
Ausklingens u. s. w. erzeugt. Und wenn man bedenkt, dass das 
materielle Substrat aller dieser Formen, der Stein oder das Holz, 
immer ein und dieselbe tote Masse ist, so wird man verstehen, 
dass es sich auch hier nur um eine Kraft- und Bewegungsillusion 
handeln kann. 
Dass alles dies wirklich so ist und nicht etwa unserer Phan¬ 
tasie entstammt, lehrt uns wiederum der Sprachgebrauch. Wenn 
wir von einem Gebäude sagen : „es wächst aus dem Boden“, oder
        

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