Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/159/
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ringen Ausdrucksfähigkeit. Wenn er nicht geradezu mimischer 
Art ist, kann er nur wenige Gefühle ausdrücken. Die An¬ 
schauungsillusion findet also bei ihm nur in geringem Masse ihre 
Rechnung. Um so stärker wirkt er im Sinne der subjektiven 
Bewegungsillusion. Die Folge davon ist die, dass er nur angenehme, 
leichte und graziöse Bewegungen verwendet, dass dagegen plumpe, 
hässliche und schwerfällige Bewegungen bei ihm so gut wie ganz 
ausgeschlossen sind. Dadurch unterscheidet er sich wesentlich von 
der Schauspielkunst, bei der ja plumpe und hässliche Bewegungen, 
wTenn sie nur charakteristisch sind, sehr wohl angewendet werden 
dürfen. Dadurch ist eben der Tanz eine zwar in sinnlicher 
Beziehung reizende, aber im höheren ästhetischen Sinne wenig 
ausgiebige, leere, sterile Kunst. Man kann ihn nicht ganz aus den 
Künsten ausschliessen, da er immerhin auf Anschauungsillusion 
(im Sinne der Stimmung, des Gefühls) hinarbeitet, aber man wird 
ihm, da dies nur in geringem Masse der Fall ist, die letzte Stelle 
unter ihnen anweisen. Künstlerisch im höheren Sinne wird er 
erst durch die mimische Nebenbedeutung. 
Die Musik haben wir schon als eine Kunst der Gefühls- und 
Stimmungsillusion kennen gelernt. Sie ist aber auch eine Kunst 
der Bewegungsillusion, was ja nicht Wunder nehmen kann, wenn 
man bedenkt, dass die Bewegung ein Hauptmittel ist, dem Gefühl 
und der Stimmung Ausdruck zu geben. Wenn wir hier von Be¬ 
wegungsillusion sprechen, so sehen wir dabei natürlich von der 
Bewegung der ausführenden Musiker (deren Wahrnehmung gar 
nicht nötig, ja nicht einmal wünschenswert ist) ab. Wir sehen 
ferner ab von der wirklichen Bewegung der Luft, die beim Hören 
der Töne an unser Trommelfell dringt. Wir denken vielmehr nur 
an die Bewegungsvorstellung, die sich an die Wahrnehmung der 
Musik anschliesst. 
Und zwar können wir auch bei ihr von objektiver und sub¬ 
jektiver Bewegungsillusion reden. Die objektive Bewegungsillusion 
würde darin bestehen, dass man sich beim Hören der Töne irgend 
etwas Sichbewegendes vorstellt, was gar nicht da ist, die subjektive 
darin, dass man sich selbst, seinen eigenen Körper in Bewegung 
denkt. Ich habe schon beim Tanz darauf hingewiesen, dass das 
blosse Anhören einer Tanzmelodie einen tanzlustigen Hörer zur 
Ausführung unwillkürlicher Bewegungen veranlassen kann. Dies 
ist nur ein besonders bekannter Fall einer ganz allgemeinen Er¬ 
scheinung. Ich glaube nämlich, dass jede rhythmisch stark aus- 
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