Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/157/
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Bewegungsvorstellungen handelt, nicht auf der subjektiven, son¬ 
dern auf der objektiven Bewegungsillusion beruht. 
Diesen Schluss übertragen wir nun auch auf die Gefühls¬ 
illusion. Denn es ist nur die Konsequenz dieser Beweisführung, 
dass wir annehmen müssen, auch bei der Gefühlsillusion ver¬ 
setzten wir nicht sowohl uns selbst in das betreffende Gefühl, 
sondern schauten vielmehr einen anderen, d. h. den Dichter, den 
Schauspieler, den Tänzer u. s. w., als einen von diesem Gefühl er¬ 
füllten an. Der Zuschauer des Teil ist, wenn er den grausamen 
Wüterich Gessler reden hört, nicht selbst ein grausamer Wüterich, 
sondern er stellt sich nur diesen Schauspieler als grausamen 
Wüterich vor. Der Zuschauer des Käthchens von Heilbronn ist, 
wenn er das demütige, selbstlose Käthchen sieht, durchaus nicht 
selbst demütig und selbstlos, sondern stellt sich nur diese Schau¬ 
spielerin als demütige und selbstlose Liebhaberin vor. Beide 
wissen ganz genau, dass diese Künstler das betreffende Gefühl 
nicht wirklich haben, sondern sich nur hineinversetzen. Aber sie 
stellen sich vor, sie hätten es. Und diese Anschauungsillusion 
bereitet ihnen Genuss. Sobald wir aber den Kern des 
Genusses in dieser Anschauungsillusion erkennen, 
können wir uns den Inhalt derselben vorstellen wie 
wir wollen. Das Gefühl, das wir dann anschauen, kann schlecht, 
die Bewegung, die wir sehen, schwierig, unangenehm oder ge¬ 
fährlich sein, das ist ganz einerlei. Unser Genuss besteht ja nicht 
darin, dass wir uns gerade in dieses Gefühl und diese Bewegung 
mit unserem eigenen Ich hineinversetzen, sondern darin, dass wir 
andere, die dieses Gefühl nicht haben, uns als von ihm erfüllt 
vorstellen, andere, die diese Bewegung nicht ausführen, als sie 
ausführend denken. Indem wir so das Gefühl und die Bewegungs¬ 
vorstellung von unserer Person ablösen und auf die angeschauten 
Menschen übertragen, wird den hässlichen Gefühlen und Be¬ 
wegungen ihre unlusterregende Kraft genommen, der ganze Vor¬ 
gang lediglich in die Vorstellung verlegt, vergeistigt, entmaterialisiert. 
Es scheint, dass gerade dies das Charakteristische des ästhetischen 
Genusses ist, womit es auch gut übereinstimmt, dass die ästhetische 
Anschauung überhaupt von allem Reinkörperlichen, Reinsinnlichen 
losgelöst ist, sich in einer höheren geistigen Sphäre bewegt. 
Natürlich ist dabei nicht ausgeschlossen, dass neben diesem 
rein psychischen Vorgang, der unter allen Umständen lusterregend 
ist, auch noch ein halb psychischer, halb körperlicher nebenhergeht,
        

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