Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/155/
zu erschliessen brauchen, andererseits der Beschauer eine Einfühlung 
in diese Bewegung nicht ohne Angst und Grauen vollziehen kann. 
Und zwar ist diese Unlust eine doppelte, insofern man dabei 
erstens einen anderen Menschen in gefahrvoller Stellung sieht und 
jederzeit fürchten muss, dass er herunterstürzen könnte, zweitens 
sich selbst in der Lage dieses Menschen vorstellt, also, wenn auch 
nur in der Vorstellung, für sein eigenes Leben Angst empfindet. 
Aus diesem Grunde können ja auch viele Menschen keine 
akrobatischen Produktionen am Trapez oder überhaupt in gefahr¬ 
voller Höhe sehen. Der fortwährende Gedanke an die Möglichkeit 
eines Fehltritts oder Fehlgriffs verdirbt ihnen vollständig den 
Genuss. Nach der Illusionstheorie kann man diese Produktionen 
wie wir gesehen haben schon deshalb nicht ästhetisch geniessen, weil 
sie keine Anregung zu einer Illusion, d. h. zu einer Anschauungs¬ 
illusion geben. Von einer subjektiven Bewegungsillusion im Sinne 
der Einfühlungstheorie könnte man bei ihnen dagegen sehr gut 
reden. Denn die Bewegungen der Akrobaten erscheinen, wenn 
sie auch in Wirklichkeit schwer sind, sehr leicht, und man könnte 
ganz gut sagen, dass es dem Beschauer Genuss bereiten müsse, 
seinen eigenen Körper in dieser leichten, elastischen und erfolg¬ 
reichen Bewegung zu denken. Es soll auch durchaus nicht ge¬ 
leugnet werden, dass viele Zuschauer, die sich über die Vorstellung 
der Gefahr hinwegsetzen, diese Bewegungen mit einer solchen 
subjektiven Bewegungsillusion geniessen. Dennoch ist die An¬ 
schauung akrobatischer Kunststücke nach dem Urteil aller ästhetisch 
gebildeten Menschen nur ein niederer oder überhaupt gar kein 
ästhetischer Genuss. Daraus dürfen wir wieder mit voller Sicherheit 
schliessen, dass gerade die subjektive Bewegungsillusion nicht das 
Ästhetische an der Anschauung ist. Dabei will ich durchaus nicht 
bezweifeln, dass solche gefährlichen und halsbrecherischen Kunst¬ 
stücke für viele Menschen einen gewissen prickelnden oder gruse¬ 
ligen Reiz haben, aber es ist wohl noch nie einem vernünftigen 
Menschen eingefallen, diesen Reiz für ästhetisch zu halten. Es ist 
ebensowenig ästhetisch wie der Anblick einer Hinrichtung, eines 
Schweineschlachtens oder einer Tierquälerei. 
Die erste Bedingung für den Lustcharakter einer subjektiven 
Bewegungsillusion ist also die, dass die angeschaute Bewegung 
nicht gefährlich ist. Die zweite ist die, dass sie nicht mühsam ist. 
Bei der Anschauung des Tanzes und gymnastischer Produktionen 
ist eine lustvolle Bewegungsillusion nur dadurch ermöglicht, dass
        

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