Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/154/
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annehmen, wo der Inhalt dieser Illusion, d. h. die vor¬ 
gestellte Körperb ewegung schon an sich angenehm 
ist. Daraus geht hervor, dass alle Einfühlungsästhetiker gleich¬ 
zeitig Inhaltsästhetiker sein müssen, und das ist thatsächlich der 
Fall. Nach der Einfühlungsästhetik beruht die Schönheit des myro- 
nischen Diskuswerfers — was die Bewegung anbetrifft — durchaus 
nicht darauf, dass er als Kunstwerk Eigenschaften hat, die uns 
anregen, den bewegungslosen Marmor in einen bewegten mensch¬ 
lichen Körper zu übersetzen, sondern vielmehr darauf, dass wir 
uns selbst bei seiner Anschauung in der angenehmen, elastischen 
und erfolgreichen Bewegung des Diskuswurfs vorstellen. 
Daraus würde also hervorgehen, dass wir uns nur in an¬ 
genehme, elastische und erfolgreiche Bewegungen mit ästhetischem 
Genuss einleben könnten, in unangenehme, schwierige, mühsame 
Bewegungen dagegen nicht. Dies lässt sich nun direkt als falsch 
nachweisen. Es giebt eine Menge Bewegungen, die notorisch un¬ 
angenehm sind und uns doch in der Kunst ästhetischen Genuss 
bereiten. Nehmen wir einmal statt des myronischen Diskuswerfers 
den Atlas, der die Himmelskugel trägt, oder den sterbenden Fechter, 
der unter den Streichen seiner Feinde verblutet, oder Sisyphus, 
der den Stein den Berg hinaufwälzt. Oder denken wir an ein 
Schlachtenbild oder das Bild einer schweren Arbeit, des Baues der 
Pyramiden u. s. w. Hier haben wir es überall mit Bewegungen 
zu thun, die an sich unangenehm, schwierig, schmerzlich, ja sogar 
tötlich sind. Wenn wir diese Kunstwerke nun doch geniessen 
können, so geht daraus wie mir scheint hervor, dass die ästhetische 
Anschauung der Bewegung keine subjektive, sondern eine objek¬ 
tive Bewegungsillusion ist. 
Natürlicherweise ändert sich die Sachlage sofort, wenn wir 
diese Bewegungen nicht in künstlerischer Darstellung, sondern in 
der Natur sehen. Angenommen z. B., wir schauten einem Dach¬ 
decker zu, der in schwindelnder Höhe auf der Spitze eines Kirch¬ 
turmes stehend die Stange der Wetterfahne umklammert hält, um 
irgend etwas daran auszubessern, so ist das zunächst schon des¬ 
halb keine Kunstleistung, weil es nicht als Produktion gemeint ist 
und einen anderen Zweck als den der Lusterregung hat. Ausserdem 
ist aber eine ästhetische Anschauung dieses Vorgangs im Sinne 
der objektiven oder subjektiven Bewegungsillusion ganz undenkbar, 
weil es sich ja einerseits um eine wirkliche Bewegung handelt, 
also eine solche, die wir nicht erst aus der bewegungslosen Stellung
        

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