Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/153/
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der Tänzer und der myronische Diskuswerfer, bieten also typische 
Beispiele der drei Arten von Bewegungsillusion. Der Speerträger 
ist ein Beispiel objektiver, der Tänzer ein Beispiel subjektiver, der 
Diskuswerfer ein Beispiel gemischt objektiver und subjektiver Be¬ 
wegungsillusion. Beim Tänzer kommt dazu noch die objektive 
Gefühlsillusion. Nun stünde ja an sich nichts der Annahme ent¬ 
gegen, dass diese drei Arten ästhetisch gleichberechtigt seien. Aber 
hier machen wir nun die interessante Beobachtung, dass wir zwar 
in allen drei Fällen objektive, aber nur in den beiden letzten 
subjektive Illusion haben. Da nun aber in allen drei Fällen ästhe¬ 
tischer Genuss zu stände kommt, so werden wir daraus schliessen, 
dass das Ausschlaggebende für den ästhetischen Genuss die ob¬ 
jektive Illusion ist, und dass die subjektive in den beiden letzten 
Fällen nur als eine mehr oder weniger irrelevante Zuthat zu jener 
hinzukommt, um — vielleicht — den Genuss zu steigern. 
Die Möglichkeit dieser Steigerung beruht nun, wie man leicht 
sieht, darauf, dass die Bewegungen, um die es sich hier handelt, 
an sich schon angenehm sind. Der Tanz ist eine sinnlich an¬ 
genehme Bewegung. Speziell der Reiz des Rundtanzes ist ein 
vorwiegend sinnlicher. Gerade diese Seite an ihm ist aber, wie 
wir gesehen haben, nicht ästhetisch. Dann ist auch die Anschauung 
einer sinnlichen Bewegung, bei der man sich in dieser selben 
Bewegung vorstellt, nicht ästhetisch. Und deshalb kann auch die 
subjektive Bewegungsillusion beim Tanze, wenigstens beim gewöhn¬ 
lichen Rundtanze, nicht ästhetisch sein. Etwas anders liegt die 
Sache beim Kunsttänze, der ja keinen sinnlichen Charakter hat oder 
zu haben braucht. Findet bei diesem eine subjektive Bewegungs¬ 
illusion statt, so kann sie sich nur auf die Annehmlichkeit der 
rhythmischen Bewegung an sich beziehen. Zwar ist die Bewegung 
des Kunsttanzes in Wirklichkeit sehr schwierig. Aber der ge¬ 
wöhnliche Zuschauer weiss das nicht. Er hält sie für leicht und 
angenehm, weil sie leicht und angenehm aussieht. Wenn er sich 
also seinen eigenen Körper in dieser Bewegung denkt, so ver¬ 
ursacht ihm diese Vorstellung ein angenehmes Gefühl. Dieses an¬ 
genehme Gefühl kommt noch zu der Lust der objektiven Ge¬ 
fühlsillusion hinzu, es stellt ein Plus dar, durch das der Genuss 
gesteigert wird. 
Wer nun den Kern des ästhetischen Genusses in dieser Vor¬ 
stellung, d. h. in der subjektiven Bewegungsillusion sieht, der kann 
natürlich eine lusterregende subjektive Bewegungsillusion nur da
        

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