Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/146/
*32 
formen beurteilen wollen, von den nun einmal vorhandenen 
historischen Assoziationen als von einer Thatsache ausgehen. Die 
Frage ist für uns nur die, ob die auf diesem Wege zustande 
kommenden Gefühle echte Gefühle oder Illusionsgefühle sind. 
Die Antwort kann nach dem Bisherigen nicht zweifelhaft sein. 
Wären sie Ernstgefühle, so könnte nur ein wirklich frommer 
Mensch den Stimmungsgehalt eines gotischen Domes empfinden. 
Das ist freilich von kirchlicher Seite oft genug behauptet worden, 
und es ist nur eine logische Weiterführung dieser Behauptung, 
wenn Katholiken sogar soweit gehen, diese ästhetische Fähigkeit 
nur frommen Katholiken zuzusprechen. Natürlich würde dann 
aber die Konsequenz die sein, dass nur ein ganz weltlich ge¬ 
sinnter leichtsinniger Mensch die Schönheit des Dresdener Zwingers 
empfinden könnte. Diese Konsequenz hat man auch früher wirklich 
gezogen, was sich schon aus der Verachtung dieser Stilarten in 
der Zeit unserer Romantik ergiebt. Heutzutage verachten wir sie 
nicht mehr. Aber unser ästhetisches Denken ist noch nicht weit 
genug fortgeschritten, um nun auch den umgekehrten Schluss 
zu ziehen und zu sagen, dass wenn man einen Rokokobau ge¬ 
messen kann ohne ein August der Starke oder ein Philipp von 
Orleans zu sein, man natürlich auch einen gotischen Dom ge¬ 
messen kann ohne die Gesinnungen eines Thomas von Aquin zu 
haben. In der That kann ein Atheist den Stimmungsgehalt eines 
gotischen Domes ebensogut empfinden wie ein guter Katholik, 
und über den Dresdener Zwinger kann sich ein moralisch strenger 
Mensch ebensogut freuen wie ein leichtsinniger — wenn er nur 
ästhetisch gebildet ist. 
Oder soll man annehmen, dass der Beschauer nur während 
der kurzen Zeit des ästhetischen Genusses fromm oder leichtsinnig 
würde, vor- und nachher aber das Gegenteil wäre? Das ist doch 
wohl Unsinn und man kommt auch hier wieder zu dem Ergebnis, 
dass die durch die ästhetische Anschauung erregten Gefühle nur 
Illusionsgefühle sind. Der Mensch entäussert sich eben während der 
Zeit des ästhetischen Genusses in der Vorstellung seines wirklichen 
Charakters oder seiner wirklichen augenblicklichen Stimmung. Er 
stellt sich vor, ein anderer zu sein als er ist, anders zu fühlen als 
er wirklich fühlt. Diese vorübergehende ästhetische Stimmung ist 
aber kein Ernstgefühl und deshalb für sein ethisches Wesen voll¬ 
kommen belanglos. Sie wirkt absolut nicht auf sein Wollen und 
Handeln, auf seine Beziehungen zum Göttlichen und Menschlichen
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.