Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das Wesen der Kunst. Grundzüge einer realistischen Kunstlehre. Erster Band
Person:
Lange, Konrad
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39789/123/
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die Menschen anfeuern soll, „unentwegt" ihre politischen Ideale 
festzuhalten und durchzusetzen. 
Niemand wird behaupten, dass die Stärke der Lyrik auf diesen 
Gattungen beruhe. Die meisten Litterarhistoriker werden es gerade¬ 
zu verneinen. „Politisch Lied ein garstig Lied", hat schon Goethe 
gesagt. Und nach der Auffassung unserer klassischen Dichter ist 
es durchaus nicht die Aufgabe der Lyrik, in das praktische Leben 
einzugreifen, die Menschen zu besonderen Handlungen anzufeuern. 
Man kann ja wohl zugeben, dass die Lyrik in den Anfängen ihrer 
Entwickelung sehr häufig diese Wirkung gehabt hat. Aber in ihren 
reifen Perioden, besonders in der Gegenwart, ist diese Verbindung 
mit dem praktischen Leben längst aufgehoben. Da kann man 
geradezu sagen, dass jede Tendenzlyrik als solche schlechter ist 
als die tendenziöse Lyrik der Gefühls- und Stimmungsillusion. 
Die Lyrik aller unserer grossen Dichter, Goethes, Heines, Moerikes, 
Lenaus, Storms u. s. w. ist Stimmungslyrik. Man muss lange suchen, 
bis man bei ihnen ein Lied findet, das eine Tendenz hat, einen 
Antrieb zum Handeln enthält. 
Das Wesen der lyrischen Stimmungsillusion wird am besten 
klar werden, wenn wir ein paar bekannte Lieder herausgreifen, 
die schon jeder unter verschiedenen äusseren Verhältnissen ge¬ 
hört oder gelesen hat. Es giebt wie schon gesagt eine Lyrik, 
die vorwiegend Naturschilderung oder besser gesagt Erzeugung 
einer Naturanschauung ist. Als Beispiel wähle ich das Nachtlied 
des Wanderers, das Goethe auf dem Kickeihahn bei Ilmenau ge¬ 
dichtet hat : 
Über allen Gipfeln 
Ist Ruh. 
In allen Wipfeln 
Spürest du 
Kaum einen Hauch. 
Die Vöglein schweigen im Walde — 
Warte nur, balde 
Ruhest du auch. 
Dieses Lied sucht die Illusion einer Naturanschauung zu er¬ 
zeugen. Der Hörer, mag er sich befinden wo er wolle, mag er 
das Lied hören in welcher Umgebung er wolle, soll in die Illusion 
des schweigenden Waldes am Abend versetzt werden. Er glaubt 
in einem solchen Walde zu wandern, er stellt sich vor, der Abend 
sei hereingebrochen. Das ist natürlich eine Illusion, da ja in den 
meisten Fällen weder der Wald noch der Abend vorhanden ist.
        

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