Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/776/
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Abschnitt C. Capitel XIV. 
Endes, und verfällt daher niemals dem Widerspruch der vollen¬ 
deten Unendlichkeit. Diesem hingegen ist der in jedem Moment 
realisirte Theil des Processes stets verfallen. Das Denken 
vermag von dem gegebenen Jetzt aus den Weg nach rückwärts 
ganz ebenso mit dem unvollziehbaren Postulat der Endlosigkeit 
zu durchlaufen, wie den nach vorwärts, aber das beweist gar 
nichts für den realen Process, der in umgekehrter Richtung 
wie dieses in die Vergangenheit hinauf Denken seinen Weg wan¬ 
delt. Die Unendlichkeit, die dem nach rückwärts Denken uner¬ 
füllbares ideales Postulat bleibt, soll dem vorwärts gehenden 
Process fertiges geleistetes Resultat sein, und hier tritt der 
Widerspruch zu Tage, dass eine (wenn auch nur einseitige) 
Unendlichkeit als vollendete Realisation gegeben sein soll. Auch 
Schopenhauer ist sich über diese Unmöglichkeit vollständig klar 
(W. a. W. u. V. 3, Aufl. I. S. 592 Z. 23—27 u. S. 593 Z. 9 bis 
unten), sie kommt nur für unser Problem bei ihm deshalb nicht 
in Betracht, weil er die Realität der Zeit — und damit des Pro¬ 
cesses — leugnet, und die Frage des Weltanfangs oder der Welt- 
anfangslosigkeit nur im subjectiv-idealistischen Sinne behandelt, 
wo eben das Denken in sich nach rückwärts so wenig wie 
nach vorwärts eine Grenze findet (ebenda S. 594). Die Realität 
des Processes schliesst aber die Endlichkeit desselben nach 
rückwärts, d. h. seinen Anfang vor einer von jetzt ab gerechneten 
endlichen Zeit, ein. Der Anfangspunct des Processes (mit und 
durch welchen erst die Zeit anfängt) ist also der Grenzpunct zwi¬ 
schen Zeit und zeitloser Ewigkeit; nur in der ersteren war 
der Wille wollend, in der letzteren war er also nicht wollend. 
Hiermit ist bewiesen, dass das Wollende unter Umständen auch 
ein Nichtwollendes sein kann, womit sofort die Nothwendigkeit 
gesetzt ist, hinter dem actuellen Wollen ein wollen- (und nichtwollen-) 
Könnendes, eine Potenz des Wollens, einen Willen zu supponiren. 
Da jenseits des Processanfangs diese Potenz ohne Actualität war, 
so bleibt die Möglichkeit offen, dass von Neuem Umstände ein- 
treten können, wo sie wiederum eine actualitätslose Potenz wird, 
d. h. es ist nunmehr möglich, dass der reale Process auch nach 
vorwärts endlich sei. (Die Nothwendigkeit des zukünftigen 
Endes des Processes ist nicht aus dem Begriff des Processes oder 
der Zeit, sondern nur aus dem der Entwickelung nachzuwei- 
sen, unter Voraussetzung der Annahme, dass der Weltprocess 
Entwickelung sei, — wie ich dies am Schlüsse des mehrfach
        

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