Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/76/
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Abschnitt A. Capitel III. 
aus, mit welchen Mitteln dieselben auch zu Wasser, zu Lande, 
oder zu Luft ihre Wanderschaft antreten. 
Man wird hiernach anerkennen müssen, dass der Instinct in 
hohem Maasse von der körperlichen Organisation unabhängig ist. 
Dass ein gewisses Maass von körperlicher Organisation conditio 
sine qua non der Ausführung ist, versteht sich von selbst, denn 
z. B. ohne Geschlechtstheile ist keine Begattung möglich, ohne 
gewisse geschickte Organe kein künstlicher Bau, ohne Spinn¬ 
drüsen keine Spinnen; aber trotzdem wird man nicht sagen 
können, dass der Instinct eine Folge der Organisation sei. Im 
blossen Vorhandensein des Organs liegt noch nicht das ge¬ 
ringste Motiv für Ausübung einer entsprechenden Thätigkeit, 
dazu muss mindestens noch ein Wohlgefühl beim Gebrauch 
des Organs treten, erst dieses kann dann als Motiv zur Thätig¬ 
keit wirken. Aber auch dann, wenn das Wohlgefühl den Impuls 
zur Thätigkeit giebt, ist durch die Organisation nur das Dass, 
nicht das Wie dieser Thätigkeit bestimmt; das Wie der Thätigkeit 
enthält aber gerade das zu lösende Problem. Kein Mensch würde 
es Instinct nennen, wenn die Spinne den Saft aus ihrer über¬ 
füllten Spinndrüse auslaufen Hesse, um sich das Wohlgefühl der 
Entleerung zu verschaffen, oder der Fisch aus demselben Grunde 
seinen Samen einfach in’s Wasser entleerte; der Instinct und das 
Wunderbare fängt erst damit an, dass die Spinne Fäden spinnt, 
und aus den Fäden ein Netz, und dass der Fisch seinen Samen 
nur über den Eiern seiner Gattung entleert. Endlich ist das 
Wohlgefühl im Gebrauch der Organe ein ganz unzureichendes 
Motiv für die Thätigkeit selbst; denn das ist gerade das Grosse 
und Achtungeinflössende am Instinct, dass seine Gebote mit 
Hintenansetzung alles persönlichen Wohlseins, ja mit Aufopferung 
des Lebens erfüllt werden. Wäre bloss das Wohlgefühl der Ent¬ 
leerung der Spinndrüse das Motiv, warum die Kaupe überhaupt 
spinnt, so würde sie nur so lange spinnen, als bis ihr Drüsen¬ 
behälter entleert ist, aber nicht das immer wieder zerstörte Ge- 
spinnst immer wieder ausbessern, bis sie vor Erschöpfung stirbt. 
Ebenso ist es mit allen anderen Instincten, die scheinbar durch 
eigenes Wohlgefühl motivirt sind; sobald man die Umstände so 
einrichtet, dass an Stelle des individuellen Wohls das individuelle 
Opfer tritt, zeigt sich unverkennbar ihre höhere Abstammung. 
So z. B. meint man, dass die Vögel sich begatten um des ge¬ 
schlechtlichen Genusses willen ; warum wiederholen sie dann aber
        

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