Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/757/
Das Ziel des Weltprocesses und die Bedeutung des Bewusstseins. 753 
erheblichere weitere Resultate erzielen, je geordnetere Zustände 
des Rechts und der Sitte die persönliche Willkür einengen, und 
je verstandesmässiger das Leben nach der Schablone trivialer 
Lebensklugheit von Kind auf gegängelt wird. Es gehört mit zu 
der Signatur des Alterns der Menschheit, dass dem Wachsthum 
an intellectuelle!* Klarheit nicht ein Wachsthum, sondern eine 
Verminderung der Energie des Gefühls und der Leidenschaft 
gegenübersteht, dass also der unleugbar auf jeder Stufe vor¬ 
handene motivirende Einfluss des bewussten Intellects auf das 
Gebiet des Fühlens und Wollens aus zwiefachem Grunde be¬ 
ständig im Zunehmen ist, bis sie im Greisenalter das entschieden 
dominirende wird. Auch aus diesem Gesichtspunct erscheint also 
die Möglichkeit nichts weniger als fernliegend, dass das pessi¬ 
mistische Bewusstsein dereinst zum dominirenden Motiv der 
Willensentscheidung werde. — Wir können diese zweite Bedin¬ 
gung noch dahin modiflciren, dass nicht die ganze Menschheit, 
sondern nur ein so grosser Theil derselben von diesem Be¬ 
wusstsein durchdrungen zu sein braucht, dass der in ihr wirk¬ 
same Geist die grössere Hälfte des in der ganzen Welt thätigen 
Geistes ist. 
Die dritte Bedingung ist eine genügende Communication 
unter der Erdbevölkerung, um einen gleichzeitigen ge¬ 
meinsamen Entschluss derselben zu gestatten. In diesem 
Puncte, dessen Erfüllung nur von Vervollkommnung und geschick¬ 
terer Anwendung technischer Erfindungen abhängt, hat die Phan¬ 
tasie freien Spielraum. 
Nehmen wir diese Bedingungen als gegeben an, so ist die 
Möglichkeit vorhanden, dass die Majorität des in der Welt thä¬ 
tigen Geistes den Beschluss fasse, das Wollen aufzuheben; es 
fragt sich nur noch, ob dieser Beschluss den gewünsch¬ 
ten Erfolg haben könne. Um dies zu entscheiden, müssen 
wir auf unsere Kenntnisse von der Natur des Wollens und der 
Motivation zurückgreifen. (Vgl. Cap. B. XI. Anfang und 4.) 
Es unterliegt keinem Zweifel, dass ein besonderes Wollen 
im Menschen, ein Begehren, Affect oder Leidenschaft unter Um¬ 
ständen durch den Einfluss der bewussten Vernunft für den be¬ 
sonderen Fall, um den es sich handelt, aufgehoben werden kann. 
Wenn ich z. B. mit einer That oder einem Werk nach Ehre 
strebe, und die Vernunft mir sagt, dass Diejenigen, nach deren 
Anerkennung ich geize, Narren und Dummköpfe sind, so wird 
y. Hart manu , Pli.il. de* Unbewussten. 3. Aufl. 48
        

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