Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/735/
Drittes Stadium der Illusion. 
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Immer handelt es sich nur um Linderung von Uebeln, nicht um 
Erlangung positiven Glückes. Die einzige scheinbare Ausnahme 
wäre die genossenschaftliche Mehrung der Gesammtwohlhabenheit, 
aber diese ist schon weiter oben berücksichtigt. 
Dies wären nun die Hauptrichtungen des Weltfortschrittes. 
Soweit sie auf Realitäten beruhen, kommen sie darin überein, 
den Menschen aus der Tiefe seines Elendes mehr und mehr dem 
Bauhorizont der Empfindung entgegen zu heben. Wären die 
idealen Ziele erreicht, so wäre der Nullpunct oder Indifferenz- 
punct der Empfindung in Bezug auf diese Lebensrichtungen 
erreicht ; da aber Ideale ewig Ideale bleiben, und die Fortschritte 
der Wirklichkeit sich ihnen wohl nähern, aber nie sie erreichen 
können, so wird in dieser Lebensrichtung die Welt nie die 
Höhe des Nullpunctes erreichen, sondern stets unterhalb desselben 
in der überwiegenden Unlust stecken bleiben. 
Man kann sich über den eudämonologischen Werth 
der Weltfortschritte klar werden, auch ohne sich darum 
zu bekümmern, worin sie bestehen. Man braucht nur an die 
Analogie des Einzelnen zu denken. Wer in eine bessere Lebens¬ 
lage kommt, wird bei dem Uebergang vom Schlechteren zum 
Besseren allerdings Lust empfinden; aber erstaunlich schnell 
verschwindet diese Lust, die neuen besseren Umstände werden 
als etwas sich von selbst Verstehendes hingenommen, und der 
Mensch fühlt sich nicht um ein Haar breit glücklicher, als in 
seiner früheren Lage. (Der Uebergang aus dem Besseren in’s 
Schlechtere erzeugt schon eine viel länger anhaltende Unlust.) 
Gerade so ist es bei einer Nation, gerade so bei der Menschheit. 
Wer fühlt sich wohl jetzt wohler als vor dreissig Jahren, weil 
es jetzt Eisenbahnen giebt, und damals keine? Und sollte den 
älteren Personen der Unterschied mit damals noch zur Empfin¬ 
dung kommen, so doch gewiss nicht denen, welche nach Ent¬ 
stehung der Eisenbahnen geboren sind. Es hat sich mit den ver¬ 
mehrten Mitteln nichts weiter vermehrt, als die Wünsche 
und Bedürfnisse, und in Folge davon die Unzufriedenheit. 
Und sollte sogar die Menschheit jemals dazu gelangen, die an¬ 
steckenden Krankheiten durch Prophylaxis und Nosophthorie, die 
erblichen durch rationellere Menschenzüchtung (vermittelst Wieder- 
freigebung des unnatürlich beschränkten und fast auf den Kopf 
gestellten Kampfes um’s Dasein), die übrigen durch Fortschritte 
der Hygieine und Medicin loszuwerden, sollte es ihr auch gelin¬ 
gen, die Nahrungsmittel aus unorganischen Stoffen in chemischen
        

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