Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/730/
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Abschnitt C. Capitel XII. 
nicht Vertiefung, sondern Verbreiterung. So werden die Genies 
immer weniger Bedürfniss, und daher auch immer weniger vom 
Unbewussten geschaffen; wie die Gesellschaft durch den schwarzen 
Bürgerrock nivellirt ist, so steuern wir auch in geistiger Bezie¬ 
hung mehr und mehr auf eine Nivellirung zur gediegenen Mittel- 
mässigkeit hin. Daraus geht hervor, dass der Genuss der wissen¬ 
schaftlichen Production immer geringer wird und die Welt mehr 
und mehr auf receptiv wissenschaftlichen Genuss beschränkt 
wird. Dieser aber ist nur dann erheblich, wenn man das Bingen 
und Kämpfen nach der Wahrheit mit durchgemacht hat, nicht 
aber, wenn einem die Wahrheit als gaar gebackene Pastete auf 
der Schüssel präsentirt wird. Dann wiegt oft der Genuss des 
Erkennens die Mühe des Erlernens kaum auf, und die practische 
Brauchbarkeit des Erlernten oder der Ehrgeiz müssen das eigent¬ 
liche Motiv des Lernens abgeben. 
Ein ähnliches Verhältnis findet bei der Kunst statt, obwohl 
diese für die Zukunft immer noch günstiger gestellt ist, als die 
Wissenschaft. Auch in ihr werden die producirenden Genies im¬ 
mer seltener werden, je mehr die Menschheit das im Augenblick 
aufgehende Leben ihrer Kindheit und die transcendenten Ideale 
ihrer schwärmerischen Jugend hinter sich zurücklässt und auf 
eine bedächtig in die Zukunft schauende practiseh wohnliche 
Einrichtung in der irdischen Heimath Bedacht nimmt, je mehr 
im Mannesalter der Menschheit die socialökonomischen und prac- 
tisch-wissenschaftlichen Interessen die Oberhand gewinnen. Die 
Kunst ist dann nicht mehr, was sie dem Jünglinge war, die 
hehre, beseligende Göttin, sie ist nur noch eine mit halber Auf¬ 
merksamkeit zur Erholung von den Mühen des Tages genossene 
Zerstreuung, ein Opiat gegen die Langeweile, oder eine Erheite¬ 
rung nach dem Ernst der Geschäfte, — daher eine immer mehr 
um sich greifende dilettantische Oberflächlichkeit und ein Ver¬ 
nachlässigen aller ernsten, nur mit angestrengter Hingebung zu 
geniessenden Lichtungen der Kunst. Die künstlerische Pro¬ 
duction des den Idealen entfremdeten Mannesalters der Mensch¬ 
heit bewegt sich natürlich in derselben leichtfertigen, die Form 
gewandt beherrschenden und von den Schätzen der Vergangen¬ 
heit zehrenden, dilettantischen Oberflächlichkeit, und bringt keine 
Genies mehr hervor, weil sie keine Bedürfnisse der Zeit mehr sind, 
weil es hiesse, die Perle vor die Säue werfen, oder auch, weil 
die Zeit über das Stadium, welchem Genies gebührten, zu einem 
wichtigeren hinweggeschritten ist. Um mich vor Missverständ-
        

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