Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/714/
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Abschnitt C. Capitel XII. 
insoweit actuell wird, als das Interesse des Willens sie fordert), 
d. h. es wird wiederum in demselben (actuell bezogenen) Sinne 
des Worts wie oben Nichts sein. Dies ist auch der Zustand, 
auf den allein die Behauptungen der Apostel passen, dass keine 
Zeit und keine Erkenntniss mehr sein wird. So lange also die 
Welt besteht, ist der Weltprocess, und soviel Seligkeit oder Un¬ 
seligkeit wie dieser einschliesst; vor dem Entstehen und nach 
dem Aufhören der Welt und des Weltprocesses ist — actuell ge¬ 
nommen — Nichts. 
Wo bleibt nun die verheissene Seligkeit? In der Welt soll 
und kann sie nicht stecken, und das Nichts nach der Welt 
könnte doch höchstens relativ seliger oder unseliger als ein 
früherer Zustand sein, aber nicht eine positive Seligkeit oder 
Unseligkeit. (Vgl. Aristot. Eth. N. I. 11, 1100, a, 13.) Freilich 
wenn die Welt der Zustand der Unseligkeit des Weltwesens ist, 
so wird das Nichts im Verhältniss dazu eine Seligkeit sein; 
aber leider kann dieser Contrast nur im Zustande des Seins, nicht 
in dem des Nichtseins in Rechnung gestellt werden, da in letzte¬ 
rem weder gedacht noch empfunden wird, — denn jedes von 
beiden wäre ja schon Actualität, welche ausgeschlossen ist, — 
das eine würde actuelle Vorstellung, das andere sogar actuelle 
Reflexion auf eine Erinnerung des früheren innerweltlichen Zu¬ 
standes im Vergleich zum gegenwärtigen, und Willensbetheiligung 
an dieser Reflexion voraussetzen, was Glied für Glied unmög¬ 
lich ist. 
So meint es der Buddhismus mit dem „Nirwana“, so Scho¬ 
penhauer, aber nicht so das Christenthum. Diesem ist mit einer 
solchen Reduction auf den Nullpunct der Empfindung, auf Schmerz¬ 
losigkeit und Glücklosigkeit ebensowenig gedient, wie dem ge¬ 
wöhnlichen egoistischen Menschenverstände, der die Erfüllung 
seines instinctiven Ringens nach Glück als sein natürliches Recht 
in Anspruch nimmt. Das Christenthum giebt zwar ein Recht 
auf Glück nicht stricte zu, aber es verlangt den Verzicht darauf 
nur, doch um dem unverdienten Gnadengeschenk eines jenseitigen 
Glücks einen desto höheren Werth zuzuerkennen, und der einzelne 
Christ verzichtet auf sein angebliches Recht doch nur deshalb, 
weil er das Object seines Rechtsanspruches durch gütlichen Ver¬ 
gleich zugesichert erhält. Das Christenthum muss ein positives 
Weltziel haben, oder auf sein es vom Buddhismus im tiefsten 
Grunde unterscheidendes Princip verzichten, d. h. sich selbst ab-
        

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