Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/712/
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Abschnitt C. Capitel XII. 
dauert, ist das Wesen, das auch in diesem Menschen sich mani- 
festirte, aber dieses Wesen ist nichts Individuelles. 
So erweist sich denn auch die Hoffnung auf eine individuelle 
Fortdauer der Seele als eine Illusion, und damit ist der Haupt- 
nerv der christlichen Verheissungen durchschnitten, ist die christ¬ 
liche Idee überwunden. Der Wechsel auf das Jenseits, welcher 
für die Misère des Diesseits schadlos halten sollte, hat nur einen 
Fehler : Ort und Datum der Einlösung sind tingirt. Der Egois¬ 
mus findet dieses Resultat trostlos; ihm war ja Unsterblichkeit 
Gemüthspostulat, und mit der Bemerkung, dass Gfemüthspostulate 
keine metaphysische Wahrheiten begründen können (wie Jacobi 
und Schleiermacher glauben) hört seine Gemüthlichkeit auf. 
Aber das wahre Gemüth, das auf dem Grunde der Selbstver- 
läugnung und Liebe ruht, findet dieses Resultat nicht trostlos; 
dem Selbstlosen erscheint die Garantie einer endlosen Selbstbe¬ 
jahung nicht bloss werthlos, sondern unheimlich und grauener¬ 
regend, und alle Versuche, die Unsterblichkeit als Gemüthspostu- 
lat zu beweisen auf einem andern Grunde als dem der crassesten 
Selbstsucht, sind durchaus verfehlt (vgl. meinen Aufsatz : „Ist der 
pessimistische Monismus trostlos ?“ in den Ges. philosoph. Abhand¬ 
lungen Nr. IV). Selbst die allerzahmste Form der Unsterblich¬ 
keitssehnsucht, der Wunsch, in seinen Werken, Thaten und 
Leistungen fortzuleben, ist egoistisch; denn man darf wohl mit 
Recht das Fortzeugen guter Thaten und das Fortwirken nütz¬ 
licher und tüchtiger Werke wünschen, aber das Hineinziehen des 
lieben Ich in diesen Wunsch, die Forderung, dass es meine 
Thaten und Werke sein sollen, die auch für die Zukunft des 
Processes sich segensreich erweisen, ist eine, wenn schon mensch¬ 
lich entschuldbare, doch immerhin ethisch ungerechtfertigte 
Selbstsucht, die sogar zur Eitelkeit wird, wenn sie die 
dankbare Conservation des Namens und seines Gedächtnisses 
bei den Menschen verlangt, die von den Thaten und Werken 
Nutzen ziehen. 
Da aller Unsterblichkeitsdrang Egoismus ist, so würde allen, 
die bisher in dem Unsterblichkeitsglauben „selig in der Hoffnung“ 
waren, sehr wenig daran gelegen scheinen, ob nach Zerstörung 
der Hoffnung auf individuelle Unsterblichkeit das Christen¬ 
thum mit seinem transcendenten Optimismus in Bezug auf die 
Wahrheit einer ewigen Seligkeit überhaupt im Gegensatz zu dem 
ursprünglich rein negativen Buddhismus Recht behält oder nicht;
        

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