Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/711/
Zweites Stadium der Illusion. 
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Erscheinung enthüllt, zeigt sich, dass jeder tiefer gefasste 
Theismus in Pantheismus umschlägt. — Die Fortdauer ist, wie 
wir sahen, selbst im Theismus dem Individuum nur so lange 
garantirt, nicht etwa bis Gott den Willen fasst, es zu vernichten, 
sondern als Gott seine es beständig neu setzende Action stetig fort- 
dauern lässt. Nun könnte man die abstracte Möglichkeit hervor¬ 
heben, dass Gott das Individuum bis an’s Ende der Welt fort- 
dauern lassen könne, und sich wohl gar auf die Analogie der 
Atome berufen, die, obwohl auch blosse Manifestationen göttlichen 
Willens doch jedes ein continuirliches Dasein vom Anfang bis 
zum Ende der Welt hätten. Hiergegen ist aber auf Cap. C. 
VI. u. X. zu verweisen, in welchen der Begriff des Individuums 
analysirt, und der grosse Unterschied zwischen dem einfachen 
Willensact im Atom und dem sehr zusammengesetzten Individuum, 
das wir Mensch nennen, dargethan ist. Der Atomwille kann 
stetig sein, weil er einfach ist; das Strahlenbündel von Willens¬ 
acten des Unbewussten, welches auf ein bestimmtes organisches 
Individuum gerichtet ist, kann unmöglich längere Dauer haben, 
als der Gegenstand, auf den es sich richtet. Hat der Organismus 
sich aufgelöst und das organische Individuum seine Existenz 
eingebüsst, hat in Folge dessen das Bewusstsein aufgehört, das 
sich an diesen Organismus knüpfte und in der molecularen An¬ 
ordnung der Hirnmolecule desselben seinen Gedächtnissvorrath 
aufgespeichert und die bestimmende Naturgrundlage seines Indi- 
vidualcharacters besessen hatte, dann ist das Strahlenbündel von 
Actionen des Unbewussten, welches diesem Individualgeiste die 
metaphysische Grundlage bot (subsistirte), gegenstandslos, und 
dadurch als fortgesetzte Action unmöglich geworden; das Ver¬ 
mögen dieser Willensacte wird dadurch nicht alterirt, aber dieses 
ist eben kein individuell Seiendes mehr, sondern ruht im All- 
Einen unbewussten Wesen. Würde selbst ein gleicher Organismus 
geschaffen, auf den das Unbewusste gleiche Actionen richten würde, 
so wäre das doch ein andres Individuum, nicht dasselbe wie 
das gestorbene, da die Continuität der Existenz fehlte. Ebenso 
ungerechtfertigt wie die Behauptung wäre, dass vor der organi¬ 
schen Entwickelung des Ei’s und des Spermatozoiden, aus denen 
ein künftiger Mensch entsteht, dieser Mensch ein individuelles 
psychisches Vorleben habe, ebenso ungerechtfertigt wäre die An¬ 
nahme, dass nach Zerstörung des Organismus dieser Mensch ein 
individuelles psychisches Nachleben haben könne. Was da fort- 
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