Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/703/
Erstes Stadium der Illusion. 13. 
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das Leben des Individuums Bezug haben, ausgenommen natür¬ 
lich die instinctive Liebe zu ihren Kindern und Enkeln. 
Das Resultat des individuellen Lebens ist also, 
dass man von Allem zurückkommt, dass man wie 
Koheleth einsieht: „Alles ist ganz eitel“, d. h. illu¬ 
sorisch, nichtig. 
Im Leben der Menscoheit wird dieses erste Stadium der 
Illusion und das Zurückkommen von derselben durch die alte 
(jüdisch-griechisch-römische) Welt repräsentirt. In den früheren 
asiatischen Reichen sind die später gesonderten Richtungen der 
Lebens- und Weltanschauung noch zu unklar gemischt. Das 
Judenthum spricht den Glauben an die Erreichbarkeit der indi¬ 
viduellen irdischen Glückseligkeit sowohl in seinen Verheissungen, 
als auch in seiner allgemeinen optimistischen Weltanschauung 
ohne transcendenten Hintergrund, aufs Unverhohlenste aus. Im 
Griechenthum macht dasselbe Streben sich auf edlere Weise im 
Kunst- und Wissenschaftsgenusse und in einer gleichsam ästhe¬ 
tischen Auffassung des Lebens geltend; auch das Hellenenthum 
geht in einem, wenn auch verfeinerten individuellen irdischen 
Glückseligkeitsstreben auf, da die noUcela nur Erhaltung und 
Schutz gewähren soll. Man denke an den Ausspruch des todten 
Achill in der Odyssee (Xi. 4S8 - 491). 
„Nicht mehr rede vom Tod’ ein Trostwort, edler Odysseus! 
Lieber ja wollt’ ich das Feld als Tagelöhner bestellen, 
Einem dürftigen Mann ohn’ Erb’ und eigenen Wohlstand, 
Als die sämmtliche Schaar der geschwundenen Todten be¬ 
herrschen.“ 
Die bekannte pessimistische Chorstelle in dem Meisterwerke 
des greisen Sophocles kann nicht als Ausdruck der hellenischen 
Anschauung im Allgemeinen gelten. 
Die römische Republik bringt allerdings ein neues Moment 
hinzu: das Glückseligkeitsstreben in und durch die Erhöhung 
des Glanzes und der Macht des engsten Vaterlandes. Nachdem 
dieses Streben nach Erreichung der Weltherrschaft sich für die 
Glückseligkeit als illusorisch erweist, wird auch vom Römerthume 
die in’s Gemeine herabgezogene griechische Weltanschauung in 
Gestalt des seichtesten Epikuräismus adoptirt, und die alte Welt 
überlebt sich bis zum äussersten Ekel am Leben.
        

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