Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/675/
Erstes Stadium der Illusion. 4. 
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Ueberlegung wäre: könnte wohl dann das Menschengeschlecht 
noch bestehen ? Würde nicht vielmehr Jeder so viel Mitleid mit 
der kommenden Generation gehabt haben, dass er ihr die Last 
des Daseins lieber erspart oder wenigstens es (die Verantwort¬ 
lichkeit) nicht hätte auf sich nehmen mögen, sie kalt¬ 
blütig ihr aufzulegen ?“ 
Ausser dem unmittelbaren Instincte, Kinder aufziehen zu 
wollen, hat der Wunsch nach Kindern bei solchen Leuten, deren 
Leben in Mehrung der Wohlhabenheit oder des Reichthumes be¬ 
steht, noch einen anderen Grund. Diese fangen nämlich in einem 
gewissen Lebensalter an zu merken, dass sie selbst von dem 
Ueberschusse des Reichthumes doch keinen Genuss haben; wenn 
sie aber demgemäss auf weiteren Erwerb verzichten wollten, so 
wäre ihre Lebensader unterbunden und sie fielen der ödesten 
Leere des Daseins und der Langeweile anheim. 
Um diesem Uebel zu entgehen, wünschen sie sich das kleinere 
Uebel, Besitz von Kindern, um an dem auf diese ausgedehnten 
Egoismus ein Motiv zum Fortsetzen der Erwerbsthätigkeit zu haben. 
Vergleicht man aber in objectiver Weise die Freuden einer¬ 
seits und den Kummer, Aerger, Verdruss und Sorgen anderer¬ 
seits, welche Kinder den Eltern bringen, so dürfte das Ueber- 
wiegen der Unlust wohl kaum zweifelhaft sein, wenn auch das 
vom Instinct beeinflusste Urtheil sich dagegen sträubt, besonders 
bei Frauen, bei welchen der Instinct zum Kinderaufziehen viel 
stärker ist. 
Man vergleiche vorerst die Summe der Freude, welche durch 
die Geburt, und die Summe des Schmerzes und Kummers, welche 
durch den Tod eines Kindes in den Gemüthern sämmtlicher Be¬ 
theiligten hervorgerufen wird. Erst nach Anrechnung des hier¬ 
bei sich ergebenden Schmerzüberschusses kann man an die Be¬ 
trachtung ihres Lebens selbst gehen. Dazu empfehle ich das 
Capitel „Mütterwahnsinn“ aus Bogumil Goltz: „zur Characteristic 
und Naturgeschichte der Frauen.“ 
In der ersten Zeit überwiegt die Unbequemlichkeit und 
Schererei der Pflege, dann der Aerger mit den Nachbarn und 
die Sorge um Krankheiten, dann die Sorge, die Töchter zu ver- 
heirathen und der Kummer über die dummen Streiche und 
Schulden der Söhne ; zu alledem kommt die Sorge der Auf¬ 
bringung der nöthigen Mittel, die bei armen Leuten in der ersten, 
bei gebildeten Classen in den späteren Zeiten am grössten ist.
        

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