Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/670/
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Abschnitt C. Capitel XII. 
zu dem meinigen stellen möge, so ist das ausser Zweifel, dass 
die Gefühlsrohheit der Menschheit durchschnittlich mehr und 
mehr abnimmt, und dass mit abnehmender Gefühlsrohheit die 
Unlust im Mitleid über die Lust mehr und mehr die Oberhand 
gewinnt. 
Nun stellt sich aber das Verhältnis noch ungünstiger für 
die Lust, wenn wir die unmittelbaren Folgen des Mitleides in 
der Seele mit in Anschlag bringen. Das Mitleid erweckt näm¬ 
lich sofort die Begierde, das fremde Leid zu stillen, und dies ist 
auch der Zweck dieses Instinctes. Diese Begierde findet aber 
nur in sehr seltenen Fällen eine partielle, noch seltener eine 
totale Befriedigung, sie wird also weit häufiger Unlust als Lust 
erwecken. 
Wenn also1 auch dem Instincte des Mitleides als einem Correctiv 
und Limitiv des Egoismus und der aus letzterem entspringenden 
Ungerechtigkeit die Berechtigung des kleineren von zwei Uebeln 
nicht abgesprochen werden kann, so ist es doch an sich be¬ 
trachtet immerhin ein Uebel, denn es bringt mehr Unlust als Lust. 
Vergl. Spinoza Eth. Th. 4. Satz 50 : „Mitleiden ist bei einem 
Menschen, der nach der Leitung der Vernunft lebt, an sich 
schlecht und unnütz. Beweis: Denn Mitleid ist (nach Def. 18) 
Unlust, also (nach S. 48) an sich schlecht. Das Gute aber, das 
aus ihm folgt .... suchen wir nach dem blossen Gebote der 
Vernunft zu thun“; u. s. w. 
Von der Geselligkeit und Freundschaft lässt sich 
nicht dasselbe beweisen, obwohl es vielfach behauptet worden 
ist, und für eine gewisse Gemüthsart auch mit Becht. So sagt 
z. B. La Bruyère: „Tout notre mal vient de ne pouvoir être seuls.16 
(Man vergleiche auch Schopenhauer, Parerga I. 444—458.) 
Wohl aber wird sich das behaupten lassen, dass der Gesellig¬ 
keitstrieb ein aus der Schwäche und Ohnmacht des Einzelnen 
entspringendes instinctives Bedürfniss ist, dessen Erfüllung den 
Menschen wie Gesundheit und Freiheit erst auf den Bauhorizont 
stellt, auf welchem Geselligkeitsfundamente er nun erst im Stande 
ist, sich gewisse positive Genüsse zu errichten, und dass nur ein 
geringer Theil der wahren Freundschaft, welche überdies so 
selten ist, einen den Nullpunct der Empfindung positiv über¬ 
ragenden Werth repräsentirt* 
Wie es in der Natur Herdenthiere giebt, so ist der Mensch 
ein geselliges Thier ; ohnmächtig, schutzlos jeder Naturmacht und
        

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