Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/654/
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Abschnitt. C Capitel XII. 
quemen Lage herauszukommen; bald findet er die neue Lage 
ebenso unbequem, und wendet sich wieder zurück. — In der 
Regel ist nun die Arbeit der Preis, um welchen die gesicherte 
Existenz erkauft wird. Nicht genug also, dass die gesicherte 
Existenz an sich kein positives Gut, sondern nur den Nullpunct 
der Empfindung repräsentirt, muss dieses rein privative Gut 
noch durch Unlust erkauft werden, im Gegensatz zu 
Gesundheit und Jugend, welche man nur geschenkt bekommt. 
Und wie gross ist häufig die Unlust, welche dem Armen durch 
die Arbeit auferlegt wird. Ich will nicht an die Sclavenarbeit 
erinnern, nur an die Fabrikarbeit unserer Grossstädte. „Im Alter 
von fünf Jahren eintreten in die Garnspinnerei oder sonstige 
Fabrik, und von dem an erst zehn, dann zwölf, endlich vierzehn 
Stunden darin sitzen und dieselbe mechanische Arbeit verrichten, 
heisst das Vergnügen, Athem zu holen, theuer erkaufen.“ (W. a. 
W. u. V. II. 661). —Nicht minder grosse Opfer, wie der Erwerb 
des Lebensunterhaltes, fordert das Erkämpfen einer relativen 
Freiheit, denn volle Freiheit erlangt man nie. Dafür haben aber 
die Sicherung der Existenz und der erreichbare Grad der Frei¬ 
heit den Vortheil, dass man sie doch überhaupt durch eigene 
Kraft erobern kann, während man sich zu Jugend und Gesund¬ 
heit ganz passiv empfangend verhält. 
Hat man nun wirklich diese vier privativen Güter im Be¬ 
sitz, so sind die äusseren Bedingungen zur Zufriedenheit ge¬ 
geben ; tritt dann die erforderliche innere Bedingung, die Resig¬ 
nation, das sich Bescheiden bei demNothwendigen, hinzu, 
so wird in dem Betreffenden Zufriedenheit herrschen, so lange 
als keine erheblichen Unglücksfälle und Schmerzen ihn betreffen. 
Die Zufriedenheit verlangt kein positives Glück, sie ist gerade 
die Verzichtleistung auf solches, sie verlangt nur das Frei¬ 
sein von erheblichen Uebeln und Schmerzen, also ungefähr den 
Nullpunct der Empfindung; positive Güter und positives Glück 
können der Zufriedenheit nichts hinzufügen, wohl aber 
können sie dieselbe gefährden, denn je grösser die positiven 
Güter und das Glück, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, 
durch ihren Verlust grosse Schmerzen zu erleiden, welche die 
Zufriedenheit zeitweilig aufheben. Die Zufriedenheit kann also 
so wenig als ein Zeichen von positivem Glück betrachtet wer¬ 
den, dass vielmehr der Aermste und Bedürfnisloseste ihrer am 
leichtesten dauernd habhaft wird. Wenn trotzdem so vielfach
        

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