Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/651/
Erstes Stadium der Illusion. 2. 
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scheinlich schwankt übrigens dieser Coefficient bei verschiedenen 
Individuen zwischen gewissen Grenzen, und dürfte nur seine 
mittlere Grösse grösser als 1 sein. 
Ueber die dieser merkwürdigen Erscheinung zu Grunde 
liegenden Ursachen wage ich keine Yermuthung aufzustellen. 
So viel ist gewiss, dass, wenn die Thatsache richtig ist, auch 
dieser Umstand zu Ungunsten eines überwiegenden Glückes in 
der Welt spricht. Die Welt gleicht dann einer Geldlotterie : die 
eingesetzten Schmerzen muss man voll einzahlen, aber die Ge¬ 
winne erhält man nur mit Abzug ausbezahlt. So sagt Schopen¬ 
hauer (Parerga II. 313): „Hiermit stimmt auch dies, dass wir 
in der Regel die Freuden weit unter, die Schmerzen weit über 
unserer Erwartung finden.“ (S. 321): „Sehr zu beneiden ist 
Niemand, sehr zu beklagen Unzählige.“ (W. a. W. u. Y. II. 
658): „Ehe man so zuversichtlich ausspricht, dass das Leben 
ein wünschenswertes oder dankenswertes Gut sei, vergleiche 
man einmal gelassen die Summe der nur irgend möglichen Freu¬ 
den, welche ein Mensch in seinem Leben geniessen kann, mit 
der Summe der nur irgend möglichen Leiden, die ihn in seinem 
Leben treffen können. Ich glaube, die Bilanz wird nicht schwer 
zu ziehen zein.“ 
Es ist nun unsere Aufgabe, im Leben des Individuums nach¬ 
zuforschen, ob die Summe der Lust oder der Unlust überwiegt, 
und ob in dem Individuum als solchem die Bedingungen gegeben 
sind, um unter den denkbarst günstigsten Umständen in seinem 
Leben einen Ueberschuss der Lust über die Unlust zu erreichen. 
Da das zu betrachtende Feld zu gross zu einem gleichzeitigen 
Ueberschauen ist, so wollen wir uns die Lösung erleichtern, in¬ 
dem wir die Summe der Lust und Unlust nach den Plaupt- 
richtungen des Lebens gesondert betrachten. Immer aber muss 
während der künftigen Betrachtungen der Leser die vorange¬ 
schickten allgemeinen Bemerkungen im Sinne behalten, da die 
in denselben erwähnten Umstände fortwährend als wesentlich 
beschränkende Coefficienten der Lust in Wirksamkeit sind, wo¬ 
hingegen sie den Schmerz entweder vollgültig bestehen lassen, 
oder gar noch vermehren. 
2. Gesundheit, Jugend, Freiheit und auskömmliche Existenz als Bedingungen 
des Nullpunctes der Empfindung, und die Zufriedenheit. 
Die genannten Zustände werden meistens als die höchsten 
Güter des Lebens in Anspruch genommen, und nicht ohne Grund ;
        

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