Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/650/
646 
Abschnitt C. Capitel XII. 
umsieht, so wird man jedoch sehr bald gewahren, dass mit 
Ausnahme der physisch-sinnlichen, der ästhetischen und der 
wissenschaftlichen Genüsse kaum ein Glück zu gewahren ist, 
welches nicht auf der Befreiung von einer vorangegangenen Un¬ 
lust beruhte, ganz besonders aber wird dies für grosse, lebhafte 
Freuden gelten. Voltaire sagt: „ü riest de vrais plaisirs qu’avec 
de vrais besoins 
Es schliesst sich hieran unmittelbar die interessante Frage 
an, ob denn überhaupt die Lust ein aufwiegendes Aequivalent 
für den Schmerz sein könne, und welcher Coefficient oder Ex¬ 
ponent zu einem Grade der Lust gesetzt werden müsse, um einen 
gleichen Grad von Schmerz für das Bewusstsein aufzuwiegen. 
Schopenhauer stellt unter Anführung des Petrarca’schen Verses; 
99Mille piacer non vagliono un tormento (Tausend Genüsse sind 
nicht Eine Qual werth)“ die excentrische Behauptung auf, dass 
ein Schmerz überhaupt nie und durch keinen Grad von Lust 
aufgewogen werden könne, dass also eine Welt, in der über¬ 
haupt der Schmerz Vorkommen könne, unter allen Umständen 
bei noch so überwiegendem Glück schlechter als das Nichts sei. 
Diese Ansicht dürfte wohl kaum Unterstützung finden; ob aber 
nicht insofern ein richtiger Kern in ihr liegt, als der zur Aequi- 
valenz nöthige Coefficient durchaus nicht = 1 zu sein brauche, 
wie man gewöhnlich annimmt, das wäre wohl einer Betrachtung 
werth. — Wenn ich die Wahl habe, entweder gar nichts zu 
hören, oder erst fünf Minuten lang Misstöne und dann fünf Mi¬ 
nuten lang ein schönes Tonstück zu hören, wenn ich die Wahl 
habe, entweder nichts zu riechen, oder erst einen Gestank und 
dann einen Wohlgeruch zu riechen, wenn ich die Wahl habe, 
entweder nichts zu schmecken, oder erst etwas schlecht Schmecken¬ 
des und dann etwas Wohlschmeckendes zu kosten, so werde ich 
mich auf alle Fälle zu dem Nichts-hören, -riechen und -schmecken 
entscheiden, auch dann, wenn die aufeinander folgende gleich¬ 
artige Unlust- und Lustempfindung mir nach gleichem Grade be¬ 
messen scheinen, obwohl es freilich sehr schwer sein dürfte, die 
Gleichheit des Grades zu constatiren. Hieraus schliesse ich, dass 
die Lust dem Grade nach merklich grösser sein muss, als 
eine gleichartige Unlust, wenn beide sich für das Bewusstsein so 
aufwiegen sollen, dass man ihre Verbindung dem Nullpunct der 
Empfindung gleich setzt und sie demselben bei einer kleinen 
Erhöhung der Lust oder Erniedrigung der Unlust vorzieht. Wahr-
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.