Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/649/
Erstes Stadium der Illusion. 1. 
645 
hängig betrachtet, jedoch erklärt sich dieselbe meines Erachtens 
bei der auf hörenden Unlust aus dem die Lust beeinträchtigenden 
nachwirkenden Aerger, dass man die Unlust so lange habe er¬ 
tragen müssen ; man fühlt sich gleichsam seinem Schicksale für 
die Befreiung von Schmerz weniger zum Dank verpflichtet, als 
für die Auflegung des Schmerzes zum Murren und Rechenschaft¬ 
fordern berechtigt, weil die ganze Bewegung unterhalb des In- 
differenzpunctes vor sich ging, während bei der aufhörenden Lust 
der umgekehrte Fall eintritt, dem noch die nervöse Ermüdung 
hinzukommt. Dieser Erklärung entspricht es vollständig, dass 
diese Schmälerung der Lust im Verhältniss zu der Unlust, in 
deren Auf hören sie besteht, nur dann eintritt, wenn der Umstand, 
dass die ganze Bewegung unterhalb des Nullpunctes der Em¬ 
pfindung vor sich gegangen ist, auch wirklich in’s Bewusstsein 
fällt. Je weniger das Bewusstsein des Betheiligten die Bewegung 
unterhalb den Nullpunct der Empfindung verlegt, desto mehr 
wird factisch die Lust dem Grade nach der Unlust gleich, in 
deren Aufhören sie besteht. Dies ist bei sinnlichem Schmerz 
am wenigsten möglich, daher sich Niemand auf die Folter 
spannen lassen wird, um das Vergnügen des Aufhörens der 
Schmerzen zu geniessen ; auf geistigem Gebiet aber ist der 
Kampf mit der Noth und die Freude über jeden errungenen, die 
nächste Zukunft sichernden Sieg der Beweis davon. Sobald sich 
die Menschen klar machen werden, dass diese Freude zu der 
vorangehenden Sorge sich nicht anders verhält, wie das Nach¬ 
lassen der Schmerzen zu den Folterqualen, und dass diese Be¬ 
wegung ebenso wie jene völlig unterhalb des Nullpunctes der 
Empfindung fällt, sobald werden sie auch jene Siege über die 
Noth so wenig mehr geniessen, wie der Gefolterte das Nach¬ 
lassen der Stricke geniesst. 
Was man heutzutage das Gespenst der Massenarmuth nennt, 
ist nichts als dies in den Massen auftauchende Bewusstsein, dass 
der Kampf mit der Noth, die Sorge und ihre Linderung ganz 
auf der negativen (Schmerz-) Seite des Nullpunctes der Empfin¬ 
dung liegt, während früher, wo die Massenarmuth zehnmal 
grösser war, dies Bewusstsein fehlte und die Leute ihre Armuth 
wie von Gottes Gnaden trugen. Auch wieder ein Beweis, wie 
die fortschreitende Intelligenz die Menschen unglücklich macht — 
Dieser Kampf der Menschen mit der Noth ist aber erst Ein Bei¬ 
spiel; wenn man sich unter den möglichen Freuden der Welt
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.