Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/615/
2. Der Individualcharacter. 
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Jeder Mensch bringt demnach den Haupt the il seines Cha¬ 
racters mit auf die Welt; wie gross im Verhältniss zu diesem 
der Theil ist, den er sich hinzu erwirbt, hängt von der Unge¬ 
wöhnlichkeit und abnormen Beschaffenheit der Verhältnisse ab, 
in denen er sich bewegt. In den allermeisten Fällen reicht die 
Gewohnheit eines Menschenlebens nicht aus, um in dem er¬ 
erbten Character tiefeingreifende Veränderungen hervorzubringen. 
Gewöhnlich beschränkt sich der erworbene Theil des Characters 
auf neu hinzutretende unwichtigere Eigenschaften, oder Verstär¬ 
kung vorhandener, oder Schwächung anderer durch Nichtge¬ 
hrauch. Das letztere findet relativ im geringsten Maasse statt, 
denn wie von allem Lernen das schwerste das Vergessen des 
Erlernten ist, so von allen Characteränderungen die schwierigste 
die Unterdrückung und Abschwächung vorhandener Eigenschaften. 
Dies ist es besonders, was Schopenhauer dazu veranlasste, die 
Unveränderlichkeit des Characters zu behaupten*). 
Wer an der Thatsache der Vererbung auch der erworbe¬ 
nen Charactereigenschaften zweifeln sollte, den verweise ich auf 
Beispiele von der Vererbung anderweitiger erworbener Eigen¬ 
schaften. Niemand wird bezweifeln, dass die in gewissen Fa¬ 
milien erblichen Krankheitsanlagen, wenn man im Stammbaume 
rückwärts geht, auf einen Vorfahren hinführen müssen, der sie 
nicht mehr ererbt, sondern erworben hat. Dass sich amputirte 
Arme und Beine und dergleichen Verstümmelungen in der Regel 
nicht vererben, beweist gegen unsere Behauptung gar nichts, denn 
es sind zu grobe und handgreifliche Eingriffe in die typische Idee 
der Gattung, als dass man ihre Realisation im Kinde erwarten 
könnte; und doch giebt es selbst hier merkwürdige Ausnahmen. 
Nach Häckel zeugte ein Zuchtstier, dem durch Zufall der Schwanz 
an der Wurzel abgeklemmt wurde, lauter schwanzlose Kälber, 
und hat man durch conséquentes Sclrwanzabschneiden während 
mehrerer Generationen eine schwanzlose Hunderace erzielt. Meer¬ 
schweinchen, welche durch künstliche Verletzung des Rückenmarks 
epileptisch gemacht worden waren, vererbten diese Krankheit auf 
ihre Nachkommen. Im Allgemeinen vererben sich erworbene Ei- 
*) In Betreff der näheren Auseinandersetzung mit dieser Theorie so 
wie über das Verhältniss von Wille und Motiv verweise ich auf meinen 
Aufsatz zu Julius Bahnsens Schriften („Beiträge zur Characterologie“ und 
„Zum Verhältniss zwischen Wille und Motiv“) in den Philos. Monatsheften 
Bd. IV. Hft. 5. 
*
        

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