Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/580/
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Abschnitt C. Capitel IX. 
zeugten, welche durch die Unterschiede der materiellen Verhält¬ 
nisse entstehen würden, noch weit grösser sein, als die Erfah¬ 
rung sie uns jetzt zeigt. Sehen wir doch trotzdem Fälle ein- 
treten, wo das Unbewusste lieber Missgeburten zur Welt schickt, 
als dass es sich bis zur Ueberwindung der vorliegenden materiellen 
Schwierigkeiten anstrengte. — Die so übrig bleibenden indivi¬ 
duellen Unterschiede sind unzweifelhaft gross genug, um schnell 
zu einer wesentlichen iVbänderung des Typus zu führen, und 
das Unbewusste braucht nur die Ausgleichung dieser Unter¬ 
schiede durch Kreuzung für diejenigen Fälle, wo die Abwei¬ 
chungen seinem Fortbildungsplane entsprechen, zu verhindern, 
sei es nun durch directes Festhalten oder durch einen äusser- 
lichen Mechanismus, so wird schon wieder ein grosser Theil 
Kraftaufwandes auf diese Weise erspart sein. 
Dass solche Artentstehungen durch Summation individueller 
Abweichungen wirklich vorgekommen sind, zeigen mehrfache 
Thierclassen in den geologischen Sammlungen, wenn die Samm¬ 
ler nicht die unbequemen Mittelstufen ausmerzen, die in keine 
Arteintheilung mehr passen wollen. ,,Zahllos sind die Arten 
von beschriebenen Ammoniten, alljährlich kommen zu den alten 
noch neue, und füllen sich ganze Schränke mit Büchern nur 
über Ammoniten. Ordnet man dieselben in eine Reihe, so sind 
die Unterschiede zwischen je zwei Exemplaren in der That so 
unbedeutend, dass Jeder sie unbedingt bloss für individuelle 
Eigenthümlichkeiten ansehen muss. Bei einem Dutzend aber 
summiren sich die kleinen Differenzen und bei zwei Dutzend ist 
die Summe der Differenzen so gross geworden, dass sich gar 
keine Aehnlichkeiten mehr zwischen dem Ersten und Letzten be¬ 
obachten lässt. Hier hält kein Artbegriff mehr Stich, sobald 
man nur genug Exemplare beisammen hat, welche die Ueber- 
gänge veranschaulichen.“ (Fraas: Vor der Sündfluth, S. 269.) 
Ziemlich ebenso steht die Sache mit den Trilobiten und manchen 
anderen Classen. Hier nur noch ein Citât über Schnecken: „Bei 
Steinheim (Würtemberg) erhebt sich ein tertiärer Hügel, der zu 
mehr als der Hälfte aus den schneeweissen Schalen der Vdtatci 
multiformis besteht; das eine Extrem dieser Schnecke ist hoch 
gethürmt, wie eine Paludine (noch einmal so hoch als dick), das 
andere hat einen ganz flachen Nabel (scheibenförmig, ein Viertel 
so hoch als dick). Selbst der ängstlichste Gelehrte, der alle 
Unterschiede zur Aufstellung einer Species benutzt, steht rathlos
        

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