Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/579/
Die aufsteigende Entwickelung des organischen Lebens auf der Erde. 575 
die Art überhaupt, ebensowenig kann die Unfähigkeit, mit an¬ 
deren Arten dauerhafte Bastardracen zu liefern, als ein absolutes 
Merkmal fester Arten (im Gegensatz zu flüssigen) angesehen 
werden ; auch dieser Gegensatz ist nur quantitativ zu limitiren, weil 
es erstens immer ganz darauf ankommt, mit welcher andern Art 
die Bastardirung versucht wird, und zweitens auch bei den gegen¬ 
wärtig allerfestesten Arten (ebenso wie bei jungen Bastardracen zwi¬ 
schen festen Arten) bisweilen, wenn auch sehr selten, überraschende 
Rückschläge in eine Ahnenstammform auftreten (Atavismus). 
Wenn wir demnach an der Flüssigkeit und Conventionalität 
des Artbegriffes festhalten müssen, wenn wir zugeben müssen, 
dass es in der Natur nur kleinere und grössere Verschiedenheiten 
giebt, aber in so reich vertretenen Abstufungen, dass von der 
unmerklichsten individuellen Nüance bis zum Unterschiede des 
höchsten vom niedrigsten Organismus ein in für uns unmerklich 
kleinen Schritten dahin fliessender Uebergang stattfindet (vgl. 
hierzu Wallace „Beiträge zur natürlichen Zuchtwahl“, deutsch 
von Meyer, S. 163 ff.), so kann auch weder im Artbegriff noch 
einem ihm ähnlichen engeren oder weiteren Begriff mehr ein 
Zwang für das Unbewusste liegen, welcher die Minimalgrösse 
seiner Schritte in der Fortentwickelung der Organisation nor- 
mirte, sondern das kleinste Maass für die Sprünge der hetero¬ 
genen Zeugung wird nur noch in der Grösse der Modifications- 
widerstände und den vom Unbewussten verfolgten Zielen (z. B. 
Erreichung gewisser Organisationsstufen in gewissen Zeit¬ 
räumen) zu suchen sein. Nun findet aber schon selbst bekannt¬ 
lich nicht Gleichheit, sondern nur Aehnlichkeit zwischen 
Erzeugern und Erzeugten statt, denn die verschiedenen mate¬ 
riellen Umstände bewirken bei der Zeugung individuelle Ab¬ 
weichungen vom ideellen Normaltypus, welche vollständig 
zu nivelliren einen ganz unnützen Kraftaufwand des Unbe¬ 
wussten in Anspruch nehmen würde, da diese individuellen Ab¬ 
weichungen für gewöhnlich und der Hauptsache nach sich durch 
Kreuzung der Familien von selbst wieder ausgleichen. 
Trotzdem hat man sich nicht über die Ungleichheit, sondern 
über die Gleichheit von Eltern und Kind zu wundern, denn 
wenn das Unbewusste sich bei allen Zeugungen innerhalb der¬ 
selben Art auf dieselbe Weise verhalten und sich die Arbeit 
eines fortwährend ausgleichenden Eingreifens ersparen wollte, 
so würden die Abweichungen zwischen Erzeugern und Er-
        

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