Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/578/
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Abschnitt C. Capitel IX. 
aber natürlich an den Grenzen immer Meinungsverschieden¬ 
heiten über die Anwendung des Begriffes bestehen bleiben wer¬ 
den. Einige haben gemeint, den Streit dadurch zu schlichten, 
dass sie als Kriterion der Artverschiedenheit zweier Thiere die 
Unmöglichkeit der Erzeugung fruchtbarer Nachkommen durch 
dieselben aufstellten ; aber erstens sind zwei Thiere nicht deshalb 
über ein gewisses Maass hinaus verschieden, weil sie keine 
fruchtbaren Nachkommen zeugen können, sondern sie können 
deshalb keine fruchtbaren Nachkommen zeugen, weil sie über 
ein gewisses Maass hinaus verschieden sind, und dieses Merk¬ 
mal würde mithin immer nicht das Wesen, sondern nur eine 
Folge der Artverschiedenheit betreffen; zweitens jedoch ist die 
Grenze der Zeugung fruchtbarer Nachkommen eben so flüssig, 
wie der Artbegriff, da eben nur die Anzahl der fruchtbare 
Nachkommen liefernden Begattungen unter ein und derselben 
Ge s a mm t zahl von Begattungen um so kleiner wird, je ver¬ 
schiedener die Thiere werden, aber Niemand früher als nach 
unendlich vielen Versuchen behaupten kann, dass eine Zeu¬ 
gung fruchtbarer Nachkommen zwischen diesen beiden Thieren 
unmöglich ist; drittens endlich ist factiscli dieses Merkmal in 
nicht wenigen Fällen mit dem durch allgemeine Uebereinstim- 
mung festgestellten Gebrauch des Artbegriffes in Widerspruch, 
denn von allgemein als artverschieden betrachteten Thieren sind 
durch Kreuzung fruchtbare Nachkommen erzielt worden, z. B. 
von Pferd und Esel (in Spanien), von Schaf und Ziege, von 
Stieglitz und Zeisig, von Mathiola maderensis und incana, von 
Calceolaria plantaginea und mtegrifolia u. a. m., ja sogar frei¬ 
willige Bastardzeugungen ohne Dazwischenkunft des Menschen 
zwischen wilden oder doch halbwilden Thieren constatirt 
worden (zwischen Hund und Wölfin, Fuchs und Hündin, Stein¬ 
bock und Ziege, Hund und Schakal u. s. w.), und zahlreiche Ba- 
stardracen giebt es, welche unter einander bis in’s Unendliche 
fruchtbare Nachkommenschaft liefern, z. B. Bastarde von Hase 
und Kaninchen, von Wolf und Hund, Ziege und Schaf, Kameel 
und Dromedar, Lama und Alpaca, Vigogne und Alpaca, Stein¬ 
bock und Ziege u. s. w. Andererseits verhalten sich auch die 
Racen sehr verschieden; einige können, andere wollen sich 
durchaus nicht mit einander vermischen, bei wieder anderen ist 
thatsächlich die Fruchtbarkeit in der Generationsfolge sehr be¬ 
schränkt. Ebensowenig wie die Fruchtbarkeit der Bastarde für
        

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