Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/572/
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Abschnitt C. Capitel IX. 
verkennen, dass, wie überall, wo es anfänglich ist, so auch für 
die Entwickelung des Ei’s das Unbewusste durch vorher her¬ 
gestellte Mechanismen sich sein Eingreifen möglichst erleichtert 
und auf materielle Minimalwirkungen reducirt hat. Es findet 
also in den männlichen und weiblichen Zeugungsstoffen allem 
Vermuthen nach eine von ihm selbst in früheren Stadien absicht¬ 
lich hineingelegte Disposition vor, welche diese Stoffe befähigen, 
sich unter der nöthigen psychischen Leistung leichter nach der 
durch die elterlichen Organismen vorgezeichneten Richtung, als 
nach irgend einer anderen zu entwickeln. Da nun das Unbewusste 
es sich stets der dispositionell vorgezeichneten Entwickelungs¬ 
richtung, als der im Allgemeinen seinen Vorgesetzten Zwecken 
entsprechenden und die geringsten Realisationswiderstände dar¬ 
bietenden Richtung folgt, wenn es keinen besonderen Grund hat, 
für bestimmte Zwecke eine Abweichung vorzunehmen, und da 
ein solcher Grund für die gewöhnliche Zeugung, wo es nur 
auf die Erhaltung der Art ankommt, fehlt, so schlägt es 
bei der psychischen Leitung der embryonalen Entwickelung für 
gewöhnlich den durch die von ihm selbst den Zeugungsstoffen 
vorher imprägnirten Eigenschaften als den leichtesten bezeieh- 
neten Weg ein, d. h. das Erzeugte gleicht den Erzeu¬ 
gern, und diese Erscheinung nennt man die „Vererbung oder 
Erblichkeit der Eigenschaften“. 
Von einer solchen allgemein nützlichen Regel weicht das 
Unbewusste um so weniger gern ab, je allgemeiner ihre Geltung 
ist, z. B. von den anorganischen Naturgesetzen gar nicht. Da 
nun die Schwierigkeiten schon gross genug sind, welche durch 
das Hinausgehen über die alte Art und das Hinzufügen neuer 
Charactere entstehen, so wird das Unbewusste suchen, sich den¬ 
jenigen Schwierigkeiten möglichst zu entziehen, welche es bei 
der Vernichtung solcher Charactere der alten Art zu überwinden 
hätte, die in die neue Art nicht mit hinüber genommen werden 
können oder sollen, und wird es zu diesem Zwecke die neue 
höhere Art aus solchen Arten hervorzubilden suchen, bei denen 
nur neue Charactere hinzuzufügen, aber möglichst wenig 
oder gar keine bestehenden positiven Charactere zu vernichten 
sind, d. h. aus relativ unvollkommenen, mit wenig spe- 
cifischen Charaeteren versehenen, der weiteren Entwickelung viel 
Spielraum bietenden Arten, nicht aber aus bereits hoch ent¬ 
wickelten, stark differenzirten und mit vielen und bestimm¬ 
ten Charaeteren ausgestatteten Arten.
        

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