Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/565/
Das Wesen der Zeugung vom Standpuncte der All-Einheit des Unbew. 561 
weise besondere Instincte überflüssig machten, wir sahen ferner 
umgekehrt Instincte benutzt, um umfassende Anstrengungen im 
organischen Bilden entbehrlich zu machen, z. B. (Cap. B. II. u. V.) 
den Instinct der geschlechtlichen Auswahl, um eine Veredelung 
der Gattung in Hinsicht der Schönheit und anderweitig zu er¬ 
zielen; das nächste Capitel wird uns noch mehr solcher Bei¬ 
spiele bringen, welche beweisen, mit welcher Feinheit das Unbe¬ 
wusste überall bemüht ist, seine Ziele auf möglichst mechanische 
d. h. mühelose Weise zu erreichen. 
Von diesem Gesichtspunkte aus stellt sich uns nun auch die 
Elternzeugung bloss als ein die Urzeugung mit ungeheuerer 
Kraftersparniss ersetzender Mechanismus dar. 
So wenig wie ein vernünftiger Mensch querfeldüber fährt, 
wenn die Chaussee ihm zur Seite liegt, so wenig wie das Unbe¬ 
wusste nach Herstellung eines Nervensy sternes in einem Thiere 
noch die Muskelcontraction durch directe Einwirkung des Wil¬ 
lens auf die Muskelfasern bewirkt, so wenig wird es sich 
bei der offenstehenden Elternzeugung noch der Ur¬ 
zeugung bedienen. 
Dieser hier aus dem Wesen der Urzeugung abgeleitete Satz 
hat in der neuesten Zeit seine volle empirische Bestätigung ge¬ 
funden, indem das Mikroskop überall, wo man früher Urzeugung 
vermuthet hatte, Elternzeugung nachgewiesen hat, und heutigen 
Tages kein einziger Fall einer wirklichen Urzeugung be¬ 
obachtet worden ist, trotzdem dass das Mikroskop dieses Gebiet 
des kleinsten Lebens schon nach allen Bichtungen recht sorg¬ 
fältig durchschweift hat. 
Ich bestreite nicht nur keineswegs, dass bis jetzt jeden 
Augenblick die Möglichkeit offen steht, eine Urzeugung in 
der Gegenwart zu constatiren, sondern ich gebe sogar zu, dass 
der negative Nachweis, dass es jetzt keine Urzeugung mehr 
geben könne, seiner Natur nach für die Empirie ewig eine 
Unmöglichkeit bleiben muss ; nichts desto weniger aber kann 
man wohl annehmen, dass eine Behauptung, in der rationelle 
Betrachtung und empirische Beobachtung übereinstimmen, 
eine grosse Wahrscheinlichkeit für sich habe. 
Für den mit den hierher gehörigen interessanten Thatsachen 
nicht vertrauten Leser füge ich eine kurze Notiz über diesel¬ 
ben bei. 
Aristoteles glaubte noch, dass die meisten niederen Thiere 
V. Hartmann, FMI. des Unbewussten. 3. Auf. 36
        

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