Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/437/
1. Die unbewusste Seeienthätigkeit der Pflanze- 
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keit besitzt, den Typus wieder aus sieh zu vervollständigen; 
aber wie bei den Thieren, so ist auch bei den Pflanzen das 
Tbeilen keineswegs unbeschränkt, wenn eine Ergänzung mög¬ 
lich bleiben soll. Auch bei der Pflanze stehen alle Theile in 
Wechselwirkung; jeder der Erde nähere Theil verarbeitet die 
Stoffe gerade so, wie der nächstfernere Theil sie zur Weiterver¬ 
arbeitung erhalten muss; eine Eichenwurzel würde nie eine 
Buche, eine Tulpenzwiebel nie eine Hyacinthe ernähren; es fin¬ 
det auch bei der Pflanze ein harmonisches Ineinanderwirken 
aller Theile statt, und nur dies kann zu dem Ziele der Darstel¬ 
lung des Gattungstypus in allen der Zeit nach auf einander fol¬ 
genden Entwickelungsstufen führen. 
Wenn man im Winter einen Ast eines im Freien stehenden 
Baumes in ein Treibhaus leitet, so entwickelt dieser seine Blät¬ 
ter und Blumen, während der übrige Baum erstarrt bleibt. Das 
hierzu vom Baume gebrauchte Wasser saugen die Wurzeln auf, 
wie die Beobachtung nachweist, also sind diese durch vermehrte 
Lebensthätigkeit eines Astes zu vermehrter Aufsaugung angeregt 
worden (Decandolle, Pflanzenphysiologie, I. 76). Wie weit eine 
directe Verbindung durch Leitung zwischen den einzelnen Pflan- 
zentheilen vorhanden ist, wissen wir nicht, obwohl die Spiral- 
gefässe darauf hinzudeuten scheinen, aber wir wissen ebensowenig 
beim Thiere, in wieweit das harmonische Ineinandergreifen der 
Leistungen der einzelnen Theile durch Leitung vermittelt, und 
in wieweit es ein unmittelbar hellsehendes ist, wie das der In¬ 
dividuen im Bienen- oder Ameisenstaate. Die Fortpflanzung ge¬ 
schieht in Thier- und Pflanzenreich ganz nach denselben Prin- 
cipien, durch Zellentheilung, Sporen oder Knospenbildung, und 
geschlechtliche Zeugung; die Gleichheit in beiden Gebieten ist 
namentlich in den ersten Stadien der Zeugung so schlagend, 
dass ganz dieselben Gründe zur iknnahme eines unbewusstpsy¬ 
chischen Einflusses bei Entstehung der Pflanze wie bei Entste¬ 
hung des Thieres nöthigen. 
Die embryonischen Zustände gehen freilich hernach sehr 
bald auseinander, wie es nach der Verschiedenheit der zu er¬ 
zeugenden Typen nicht anders zu erwarten ist ; aber bei beiden 
ist die fortschreitende Entwickelung ein unausgesetzter Kampf 
der organisirenden Seele mit dem Zersetzungs-, Rückbildungs- und 
Formzerstörungsstreben der materiellen Elemente. Nur durch 
stetes Verhindern dieser Rückbildungsprocesse und unaufhörlich 
v. Hartmann, Phil. d. Unbewussten. 3. Aufl. 28
        

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