Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie des Unbewussten. Spekulative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode. Dritte beträchtlich vermehrte Auflage
Person:
Hartmann, Eduard von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39782/433/
Die Entstehung des Bewusstseins. 
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zweier Organismen durch Missgeburt, oder zwischen Mutter und 
Fötus, wo sich auch Anklänge solcher Bewusstseinseinheit für 
starke Erregungen finden. 
Die Ursache dieser Erscheinungen liegt auf der Hand. Im 
Gehirne gehen ausser den besonderen Commissuren unzählige 
Nervenfasern durch die ganze Masse und stellen eine mannigfache 
innige Verbindung jedes Theilchens mit dem andern her; das 
Bückenmark hat eine schon viel unvollkommenere Verbindung mit 
dem Gehirn, das sympathische Nervensystem ist nur durch den 
einzigen nervus vagus mit dem Gehirne verknüpft ; bei zusammen¬ 
gewachsenen Individuen können nur mehr oder minder zufällige 
Verwachsungen von untergeordneten Nervensträngen stattfinden, 
bei getrennten Individuen fehlt jede Verbindung. Je vollkom¬ 
mener die Leitung zwischen den functionirenden Centralnerven- 
parthien ist, desto geringerer Erregung bedarf es in diesen, um 
die Erregung der einen bis zu der anderen ungeschwächt und 
ungetrübt fortzupflanzen; je unvollkommener und länger die 
Leitungswege, desto grösser die Leitungswiderstände, desto 
stärker müssen die Erregungen sein, wenn sie bis zur anderen 
Centralstelle fortgepflanzt werden sollen, und desto unklarer und 
verwischter langen sie dort an. Für Denjenigen, welcher an 
das unendliche Durcheinander der physikalischen Schwingungs¬ 
erscheinungen ohne irgend eine gegenseitige Störung gewöhnt 
ist, kann diese Anschauungsweise der Nervenprocesse, wonach 
jeder Gedanke an einer Stelle des Hirnes nach allen anderen 
Stellen desselben gleichzeitig telegraphirt wird, nichts Auffallen¬ 
des haben; es ist unmöglich, die anatomische Construction des 
Hirnes mit ihren zahllosen Faserverbindungen anders als so zu 
deuten. Die Leitungsfähigkeit ist es also in der That, 
welche die Einheit des Bewusstseins bedingt, und mit 
weicher diese proportional geht. Wir stellen es also als 
Grundsatz hin: Getrennte mate rielleTh eile liefern ge¬ 
trenntes Bewusstsein, ein Satz, der sich a priori ebenso 
empfiehlt, als die getrennten Individuen ihn empirisch bestätigen. 
So lange die australische Ameise Ein Thier ist, handelt ihr 
Vorder- und Hinterleib mit einheitlichem Bewusstsein, sobald 
man sie zerschnitten hat, ist die Bewusstseinseinheit aufgehoben, 
und beide Theile kehren sich kämpfend gegen einander. — Wir 
nehmen ferner an: Nur dadurch wird die Vergleichung zweier 
an verschiedenen Orten erzeugten Vorstellungen möglich, dass 
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